ÖZP 2010/4  S.383-385

Thomas König

Vorbemerkung des geschäftsführenden HerausgeberInnengremiums

Die Bibliometrie, "a field entirely 'controlled' by academics" (Godin 2005, 321), macht in den letzten Jahren eine atemberaubende Entwicklung durch. Das nahezu exponentielle Anwachsen von Verfahren geht dabei jedoch nach wie vor mit einer erstaunlich schlechten Datenbasis Hand in Hand, ohne dass dies ausreichend reflektiert würde. Nature zitiert in diesem Zusammenhang die ironische Bemerkung von einer "Cambrian explosion of metrics" (Van Noorden 2010, 864). Für die Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft (ÖZP) ist es freilich nicht neu, mit einer Zitationsanalyse zur Diskussion um die weitere Ausgestaltung der Zeitschrift beizutragen (Fabris 1978).

Erst kürzlich haben Kai Arzheimer und Harald Schoen (2009) in einer netzwerkanalytischen Untersuchung ausgewählter politikwissenschaftlicher Journals seit 1970 interessante Ergebnisse über die ÖZP zutage gefördert. So ist erstens die Zahl der kollaborativ verfassten Beiträge in der ÖZP höher als bei der ebenfalls untersuchten deutschen Schwesterzeitschrift, der Politischen Vierteljahresschrift (PVS). Im Vergleich mit ausgewählten britischen Fachzeitschriften sind aber auch die Kooperationsnetzwerke in der ÖZP "klein und fragil" (ebd., 616).

Zweitens ist in der ÖZP - im Gegensatz zu den anderen analysierten Journals - "deutlich weniger Kommunikation zwischen Autoren in Form von (wechselseitigen) Bezugnahmen zu erkennen" (ebd., 623). AutorInnen in der ÖZP verweisen weitaus seltener auf andere Artikel in diesem Journal, als dies in den anderen Zeitschriften der Fall ist. Das geht einher mit einem grundsätzlich äußerst geringen Anteil an Zitaten, die auf Zeitschriftenartikel verweisen (insgesamt nur 17 Prozent); den bei weitem größten Anteil halten Monografien und Sammelbandbeiträge.

Was bedeuten diese Zahlen? Unter den im deutschsprachigen Raum arbeitenden PolitikwissenschafterInnen scheint sich weit weniger als bei ihren angloamerikanischen KollegInnen eine für wissenschaftliche Produktivität wesentliche Voraussetzung etabliert zu haben, nämlich die der Kooperation. Weiters dürfte insbesondere in der österreichischen Politikwissenschaft das Angebot der ÖZP als Publikationsorgan zwar geschätzt und wahrgenommen werden, dessen Funktion als Forum für wissenschaftliche Diskussion (und sogar Streit) kommt aber kaum zur Geltung. Die AutorInnen der ÖZP stellen also nicht unbedingt das dar, was andernorts eine "integrated community of researchers" (Boncourt 2008, 378) genannt wurde. Für ein Fachjournal mit explizitem Bezugspunkt zu einer nationalen WissenschafterInnengruppe ist das problematisch.

Die tieferen Ursachen für EinzelkämpferInnentum und Abschottung in der Politikwissenschaft in Österreich wird eine Zeitschrift nicht unmittelbar beeinflussen können. Sie liegen im Wesentlichen in der (strukturellen wie kulturellen) Verfassung der Wissenschaften, und diese ist hierzulande für die Politikwissenschaft nicht einfach (König 2010). Die ÖZP kann aber sehr wohl das Ihre tun, hier Anreize zu schaffen, die dem entgegensteuern helfen.

In Zeiten des europäischen Zusammenwachsens nationaler wissenschaftlicher Communitys hat sich dieses Journal neuen Herausforderungen zu stellen. Zugleich impliziert diese Entwicklung auch die Chance, die Zeitschrift neu zu positionieren. Das Ziel der ÖZP muss vor allem darin liegen, innerdisziplinäre Vernetzung und Diskussion zu stärken, sowie internationale Entwicklungen aktiver als bisher mitzugestalten.

Im Verlauf des letzten Jahres hat der Vorstand der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft (ÖGPW) - als Eigentümerin und Herausgeberin der Zeitschrift - eine Umstrukturierung der Österreichischen Zeitschrift für Politikwissenschaft beschlossen. Um eine noch bessere und effizientere Steuerung der Zeitschrift zu gewährleisten, wurde mit Jänner 2010 ein neues, geschäftsführendes HerausgeberInnengremium eingerichtet. Dieses Gremium widmet sich der strategischen Entwicklung und der inhaltlichen Ausrichtung der ÖZP, während die Redaktion in bewährter Manier die Heftproduktion durchführt. Ein wissenschaftlicher Beirat berät die ÖZP in allen Belangen des laufenden Geschäfts.

Das geschäftsführende HerausgeberInnengremium hat im ersten halben Jahr seiner Tätigkeit viele Gespräche mit KollegInnen geführt, Vergleiche mit anderen Journals angestellt, die letzten Ausgaben einer Blattkritik unterzogen, d.h. eine Bestandsaufnahme der ÖZP vorgenommen. Auf dieser Basis entwickelte das HerausgeberInnengremium zusammen mit der Redaktion, dem Vorstand der ÖGPW sowie dem wissenschaftlichen Beirat ein Konzept, das von nun an sukzessive in der ÖZP umgesetzt wird. Dieser konzeptionelle Relaunch wird mit Heft 3/2011 abgeschlossen sein.


Im Wesentlichen werden folgende Änderungen stattfinden:

Die ÖZP wird in Zukunft ein offenes Journal sein. Es wird also keine reinen Schwerpunkthefte wie bisher mehr geben. Wir glauben, dass die ÖZP damit nicht nur für ihre LeserInnen, sondern auch all jene, die ihre Forschungsergebnisse publizieren wollen, noch attraktiver wird.

Schwerpunkte werden weiterhin möglich sein, allerdings nur mehr in einem maximalen Umfang von drei Artikeln je Heft und in engerer Kooperation zwischen dem HerausgeberInnengremium und den jeweiligen Schwerpunkt-GestalterInnen. Diese Änderung wird mit Heft 3/2011 realisiert.

Die ÖZP bekennt sich zu dem strengen Peer Review Verfahren, das die Zeitschrift schon bisher ausgezeichnet hat. Zusätzlich wird die ÖZP in Zukunft auch "Diskussionsbeiträge" zur allgemeinen Verständigung der Disziplin publizieren. Das können aktuelle politische Entwicklungen und deren politikwissenschaftliche Reflexion, sowie aktuelle Entwicklungen innerhalb der Politikwissenschaft sein.

Die Rezensionen werden in Zukunft von einem/r eigenen RezensionsgestalterIn betreut. Diese auch in anderen Journals übliche Vorgangsweise soll sicherstellen, dass die wesentliche politikwissenschaftliche Literatur, mit Schwerpunkt Österreich, in der ÖZP besprochen wird. Damit will die ÖZP verstärkt ihrer Rolle als Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Politikwissenschaft gerecht werden.

Der konzeptionelle Relaunch der ÖZP umfasst noch einige weitere Details, die in den kommenden Ausgaben sichtbar werden. Eine genaue Aufstellung dieser Änderungen in der ÖZP finden Sie im Internet unter: http://www.oezp.at/GO_GHG.pdf

Mit diesen Neuerungen werden jene Anreize zu vermehrter wissenschaftlicher Kooperation und gegenseitiger Rezeption geschaffen, die für eine gedeihliche Entwicklung der Politikwissenschaft in Österreich notwendig sind. Damit stellt die ÖZP sicher, dass sie auch weiterhin ein international geranktes Publikationsforum für hochqualitative Beiträge zur politikwissenschaftlichen Forschung sein wird.


Übrigens: Die Mitglieder des GHG finden Sie hier: http://www.oezp.at/herausgeberinnen.php

Wenn Sie mit uns in Kontakt treten wollen, können Sie das von nun an über kontakt@oezp.at tun.


Thomas Koenig
für das geschäftsführende HerausgeberInnengremium

 

LITERATURVERZEICHNIS

Arzheimer, Kai/Harald Schoen (2009). Isoliert oder gut vernetzt? Eine vergleichende Exploration der Publikationspraxis in der PVS, in: PVS, Vol. 50(4), 604-626.

Boncourt, Thibaud (2008). is european political science different from european political sciences? a comparative study of the european journal of political research, political studies and the revue française de science politique 1973?2002, in: european political science, Vol. 7, 366?381.

Fabris, Hans Heinz (1978). Abhängigkeiten der Kleinstaatenpolitologie, in: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, Vol. 7(3), 370-375.

Godin, Benoît (2005). Measurement and Statistics on Science and Technology. 1920 to the present, Abington.

König, Thomas (2010). Die Geschichte der Disziplin Politikwissenschaft im Verhältnis zur österreichischen Forschungspolitik und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in: Peter Biegelbauer (Hg.): Steuerung von Wissenschaft? Die Governance des österreichischen Innovationssystems, Innsbruck, 223-257.

Van Noorden, Richard (2010): A profusion of measures, in: Nature, Vol. 465, 864-866.

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