ÖZP 2010/2 S.139-140
Editorial - der emotive turn in der Politikwissenschaft
Die Politikwissenschaft zeichnet sich durch eine fast manisch anmutende Euphorie für die Ausrufung von "Renaissancen", turns und "Paradigmenwechseln" aus. Die Geschwindigkeit dieser Deklarationen korreliert jedoch zumeist negativ mit ihrer akademischen Halbwertszeit. Wer einen neuen turn ausruft oder identifiziert, steht daher unter dem besonderen Rechtfertigungszwang.
In interdisziplinär vergleichender Perspektive entdeckt(e) die Politikwissenschaft als Ganzes und die Politische Theorie im Speziellen die Bedeutung von Emotionen erst spät. Bereits in den 1960er Jahren wurden sie in der Philosophie thematisiert, Mitte der 1980er entdeckte sie die Soziologie, Mitte der 1990er Jahre wurden sie in der Politikwissenschaft relevant, aber die Politische Theorie hat sie erst in den letzten zehn Jahren in den Fokus genommen. Die wissenschaftliche Thematisierung von Emotionen ist - dies zeigt der Zeitverlauf - keine Modeerscheinung. Ein Trend, der sich über einen so langen Zeitraum und über eine so große Zahl von Disziplinen erstreckt, kann jedoch weder ein singuläres noch über die Zeit (relativ) stabiles Movens besitzen. Vielmehr speist er sich aus einer Vielzahl von Quellen. Ein für die aktuelle Diskussion wichtiger Impulsgeber sind die Lebenswissenschaften, speziell die Neurowissenschaften. Der Kenntnisgewinn über die neurobiologischen Grundlagen der Emotionen in den letzten Jahren hat auf die Politikwissenschaft sehr anregend gewirkt, zugleich aber auch grundlegende Fragen aufgeworfen.
Der Impuls aus den Lebenswissenschaften trug dazu bei, die bislang strikte und selbstverständlich erscheinende Opposition von Emotionen und Kognition aufzuweichen. Damit kam das Rationale von Emotionen, aber auch das Emotionale in der Rationalität in den Blick. Seit Platon existieren zwei Oppositionen, die tief im kulturellen Gedächtnis verankert sind: Rationalität vs. Emotionalität und Seele vs. Körper. Diese beiden Dualismen können in Beziehung gesetzt werden zu "männlich" und "weiblich", wobei Rationalität und Seele mit "männlich" korrespondiert, Emotion und Körper hingegen mit "weiblich" assoziiert wird: Diese Beziehung konstruiert zugleich eine Hierarchie, in der der Geist über den Körper herrscht, die Rationalität über die Emotionen und Männer über Frauen. Der emotive turn inspiriert die kritische Analyse der offenen und verdeckten Hierarchisierungen, die im Privaten wie im Politischen über die skizzierten Zuordnungen vorgenommen werden (vgl. den Beitrag von Bargetz und Sauer in diesem Schwerpunktheft).
Die Lebenswissenschaften stellen jedoch die Eigenständigkeit und Eigensinnigkeit politikwissenschaftlicher Begriffs- und Konzeptarbeit zumindest teilweise infrage. Wie stark darf und soll sich die Politikwissenschaft in ihrer begrifflichen Arbeit an den Erkenntnissen der Neurowissenschaften orientieren? Es ist schwierig, hier eine Balance zu finden. Einerseits sollte die naturwissenschaftliche Forschung nicht ignoriert werden, andererseits darf die politikwissenschaftliche Begriffsbildung jedoch nicht zu einem Appendix der Neurowissenschaft entwertet werden und den Innovationszyklen bildgebender Verfahren unterworfen sein.
In diesem Editorial von Emotionen zu schreiben besitzt symbolischen Charakter. Symbolisch insofern, als dass sie auf das ausdifferenzierte Begriffstableau verweist, das sich in den letzten Jahren in der Politikwissenschaft etabliert hat. Doch ist dieses Begriffstableau weder so neu noch so innovativ, wie es auf den ersten Blick scheint. So lässt sich eine ausdifferenzierte Kartografie menschlicher Emotion bereits in der Theorie der moral sentiments in der schottischen Moralphilosophie des 17. Jahrhunderts finden. Sie - aber auch die Philosophie Aristoteles' (vgl. den Beitrag von Jörke in diesem Heft) - ist auch heute noch ein Anknüpfungspunkt für politiktheoretische Begriffs- und Konzeptarbeit im Bereich der Emotionen.
Wird das politikwissenschaftliche Interesse auch auf die Emotionen gelenkt, ergeben sich sowohl grundlegend neue Fragestellungen als auch innovative Reinterpretationen vermeintlich kanonischen politikwissenschaftlichen Wissens. So kann die Genese und die Stabilität politischer Ordnungen auch mit Blick auf Emotionen analysiert werden. Beispielsweise ist in revolutionären Situationen die politische Bedeutung von Emotionen für die Stabilität - partiell aber auch für die Legitimität einer politischen Ordnung - besonders hoch (vgl. den Beitrag von Lembcke und Weber). Die Stabilität etablierter politischer Gemeinwesen kommt auch in den Blick, wenn die emotionalen und rationalen Quellen von Patriotismus analysiert werden (vgl. den Beitrag von Fleiner, Ritzi und Schaal). Ein weiterer Bereich, der von der Integration der Emotionen deutlich profitieren kann, ist die Wahlforschung. So ermöglicht das Affective-Intelligence-Modell den Einfluss von Angst auf die Informationsbeschaffung - und davon abgeleitet auch auf das Wahlverhalten - zu verstehen und empirisch zu analysieren (vgl. den Beitrag von Schoen).
Es spricht also viel dafür, dass der emotive turn kein kurzfristiges Phänomen ist. Es ist sehr wahrscheinlich, dass viele politikwissenschaftliche Studien in Zukunft auch eine emotionale Perspektive inkludieren werden.
Außerhalb des Schwerpunktes erscheint ein Beitrag von Tamara Ehs zu den Ursprüngen österreichischer Politikwissenschaft. Diese Analyse beschäftigt sich mit den frühen politikwissenschaftlichen Ansätzen der demokratischen Jahre der Ersten Republik, die bislang nur wenig bekannt sind. In den gegenständlichen Entwicklungen manifestieren sich aber schon jene wissenschaftstheoretischen wie auch politischen Probleme, die auch heute betreffend die universitäre Ausgestaltung des Faches der Politikwissenschaft auf der Agenda stehen.
Gary S. Schaal (Hamburg)