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2000/1 Politische Utopien im Geschlechter- und Modernisierungskontext Political Utopias in the Context of Gender and Modernization |
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ÖZP 2000/1, 7-28 [INHALT] [English] Eva Kreisky (Wien) In diesem Beitrag wird versucht, die politischen Bedingungen utopischen Denkens in spätmodernen Gesellschaften zu klären. In diesem Kontext gilt es selbstverständlich auch, die mangelnde Utopieoffenheit der Politikwissenschaft anzusprechen. Dazu werden die Varianten sowie Rezeptions- und Wirkungsgeschichten utopischen Denkens rekonstruiert und unter dem Aspekt ihrer Instrumentalisierung und Abnutzung im Verlaufe des 20. Jahrhunderts diskutiert. Die klassische Utopietradition als "männliches Phantasieprodukt" (Richard Saage) wird nach den Kriterien feministischer Politikwissenschaft auf patriarchale Geschlechterbilder und Vorstellungen künftiger Geschlechterregime betrachtet, denn die meisten gesellschaftlichen und politischen Zukunftsszenarien tragen - selbst bei übermäßigem Utopismus - Versatzstücke patriarchaler Phantasien im ideologischen Gepäck. Nicht nur das männlich-hegemoniale Deutungsuniversum wird geschlechterkritisch ausgeleuchtet, auch die mit der neuen Frauenbewegung aufkommenden weiblichen Denk- und Praxisbewegungen utopischen Gehalts werden erörtert: Utopisches hat sich nämlich als selbstreflexives Denk- und Handlungsprinzip im Feminismus selbst eingeschrieben. Frauenbewegung und Feminismus bilden daher vitale Nischen des Utopischen in gegenwärtigen Gesellschaften. ÖZP 2000/1, 29-44 [INHALT] [English] Barbara Holland-Cunz (Gießen) Der Datumswechsel 1999/2000 hat in der christlich-abendländischen Kultur stets eine besondere Bedeutung gehabt; ein Datum jenseits des Jahres 1999 evoziert "Zukunft". Wenige Monate vor dem hoch mythisierten Ereignis ist die öffentliche Diskussion zwar von unzähligen Verweisen aufs Millennium durchzogen, doch zielen sie vor allem auf seine Vermarktung. Während der öffentliche Diskurs mit vielen Worten "lärmende Leere" produziert, schweigen die UtopistInnen. Die wortreiche, visionslose Debatte zum Thema "Zukunft" ist erklärungsbedürftig. Mit Foucault kann sie als eine "Diskursexplosion" interpretiert werden, in der das Schweigen als Teil des Diskurses fungiert. In ihm wird die bislang in der Utopie unproblematische "Zukunft" problematisiert, sie wird zum Anlass von Sorge. Die wortreiche Leere verdeutlicht die aktuelle Schwierigkeit, angesichts der globalen Problemlagen noch angemessen utopisch zu denken. Eine exemplarische Untersuchung des frauenpolitischen Diskussionszusammenhangs, der in den vergangenen Jahrzehnten wesentlich zur Erneuerung des Genres Utopie beigetragen hat, verdeutlicht, dass Utopien für das 21. Jahrhundert global sowie selbst- und machtkritisch entworfen und gedeutet werden müssen. ÖZP 2000/1, 45-58 [INHALT] [English] Heike Kahlert (Hamburg) Die Frage von Macht und Herrschaft in den Geschlechterverhältnissen gehört auch an der Schwelle zum 3. Jahrtausend zu den nach wie vor ungelösten Kernthemen von politischer Theorie und Praxis. Folglich erweist sich das Ende des Patriarchats als eine mächtige emanzipatorische Utopie. In diesem Beitrag wird dieses utopische Moment feministischer Denk- und Politikbewegungen am Beispiel des Ansatzes der italienischen Frauen aus der Libreria delle donne di Milano diskutiert. Die Vision "der Mailänderinnen" vom Ende des Patriarchats ist dabei zum einen symbolisch bedeutsam für subjektive Wirklichkeitskonstruktionen und entsprechende politische Praxen; sie hat zum anderen soziale und materielle Relevanz, wie die partielle Anschlussfähigkeit an reflexiv-modernisierungstheoretische Überlegungen zeigt. Der Beitrag schließt mit der These, dass mit dem Verschwinden des Patriarchats auch das Verschwinden des Feminismus denkbar wird. Anders als "die Mailänderinnen" wird allerdings argumentiert, dass das Ende des Patriarchats nur in Verbindung mit einer postkapitalistischen Gesellschaftsordnung zu realisieren sein wird. ÖZP 2000/1, 59-74 [INHALT] [English] Gudrun Hauer (Wien) Wie verwenden Autorinnen feministische Utopien, um ihre Modelle einer neuen Welt ohne Frauenunterdrückung zu entwerfen bzw. um Modelle einer Gesellschaft mit anderen Formen des Wirtschaftens, der Kindererziehung oder völlig anderen Beziehungen zwischen Frauen und Männern sowie Frauen und Frauen vorzustellen? Dieser Beitrag untersucht einige wichtige Romane dieses Genres und diskutiert u.a. folgende Fragen: Warum lesen wir Utopien, warum sollten wir sie lesen und was macht Utopien zu feministischen Utopien? Als ein Ergebnis kann festgehalten werden, dass uns feministische Utopien als eine Form fiktionaler Texte ganz spezielle Verbindungen zwischen dem Gegenwärtigen und dem Zukünftigen vorführen; sie regen unsere Vorstellungskraft an, das heute noch nicht Mögliche zu denken und unser politisches Handeln auch darauf auszurichten; sie ermutigen uns letztlich, uns aus der Sackgasse politischer Resignation herauszubewegen und als politisch(-feministisch) Handelnde nicht länger Selbstbegrenzung zu üben, was gerade zur Zeit ein Charakteristikum frauenpolitischer Forderungen zu sein scheint. ÖZP 2000/1, 75-92 [INHALT] [English] Beginnend mit einem durch Marx inspirierten geschichtsphilosophischen Exkurs geht der Beitrag zunächst auf die Problematik ein, die liberal-demokratischen Systeme der Gegenwart nicht als historisches Endstadium zu verkennen. Trotz aller Gegenwartsbezogenheit lassen liberale Herrschaftskonzepte - im Gegensatz zu konservativen - utopisches Denken zwar zu, schlagen aber unter dem ideologischen Deckmantel der Freiheit selbst leicht in totalisierende Tendenzen um und evozieren damit utopische Herrschaftskritik von Neuem. Die ideologische Beschränktheit liberaler Zukunftskonzeptionen wird an der gegenwärtigen Modernisierungsrhetorik, an der sogenannten Trendforschung und am normativen Minimalstaatsmodell des libertären Denkers Robert Nozick aufgezeigt. Aus den resultierenden Überlegungen zur aktuellen Funktion von Utopien wird schließlich eine Palette an Szenarien entworfen, wie utopisches Denken in aktuellen Horizonten der Politik, Theorie und Populärkultur verankert ist und wohin es uns in kritischer Auseinandersetzung mit diesen Tendenzen führen könnte. ÖZP 2000/1, 93-108 [INHALT] [English] Günther Sandner (Salzburg) Im europäischen Kontext ist die Formulierung einer sozialdemokratischen politischen Theorie des dritten Weges als Reaktion auf die konservative Hegemonie in Deutschland und insbesondere in Großbritannien zu bewerten. Die politische Theorie des dritten Weges verbindet Theorieelemente des ökonomischen (Neo-)Liberalismus und des philosophischen Konservatismus mit Werten und Ideen der sozialistischen Theorietradition. Die Kompatibilität dieser theoretisch heterogenen Positionen wird durch die Redefinition von grundlegenden politiktheoretischen Kategorien wie Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und Freiheit hergestellt. Gesellschaftliche Interessengegensätze und Machtverhältnisse verschwinden in einem kommunitaristisch inspirierten Diskurs. Die politische Theorie des dritten Weges halbiert das sozialistische Projekt, indem sie es moralisch definiert und Kapitalismuskritik und Systemtranszendenz weitgehend negiert. |