2001/3
Österreichs Wirtschafts- und Innovationspolitik im internationalen Vergleich

 

ÖZP 2001/3, 257-274   [INHALT]   [Englisch]

Henrik Enderlein (Köln)
"ADAPT A WINNING TEAM!" Die Auswirkungen der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion auf Konjunkturzyklen und die wirtschaftspolitischen Institutionen: Österreich im europäischen Vergleich

Welchen wirtschaftspolitischen Anpassungsdruck ruft der Beitritt zur Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) in Österreich hervor? Dieser Frage wird anhand einer vergleichenden Untersuchung stabilitätsorientierter Wirtschaftspolitiken nachgegangen. Im ersten Teil wird eine quantitative Untersuchung zur Interaktion von Geld-, Finanz- und Lohnpolitik in 14 europäischen Ländern für die Zeit vor der Währungsunion entwickelt und Österreich vergleichend eingeordnet. Der Aufsatz argumentiert, dass der aus dem EWWU-Beitritt resultierende Anpassungsdruck asymmetrisch auf die Mitgliedsländer wirkt und abhängig von der stabilitätspolitischen Aufgabenverteilung zwischen Geld-, Lohn- und Finanzpolitik ist, wie sie vor dem EWWU-Beitritt bestand. Die Untersuchung zeigt ein wirtschaftspolitisches Regime in Österreich, das schon vor dem EWWU-Beitritt Mitglied einer de facto Währungsunion mit Deutschland war und dennoch (dank hoher struktureller Ähnlichkeiten mit Deutschland) bis zur Mitte der 1990er Jahre eine antizyklische Geldpolitik zur Stabilisierung einsetzen konnte. Aus dem Analyserahmen lässt sich ableiten, dass der Anpassungsdruck auf die österreichischen wirtschaftspolitischen Institutionen zwar geringer als in vielen anderen EWWU-Ländern ist, dennoch aber nicht unterschätzt werden sollte. Mit dem Beitritt zur Währungsunion nahm der Druck auf die Finanzpolitik zu, die antizyklischen Aufgaben der Geldpolitik zu übernehmen und deshalb aus dem "political exchange" mit den Gewerkschaften auszuscheren. Der Aufsatz illustriert qualitativ die neue Interaktion von Finanz- und Lohnpolitik seit 1994 und zeigt, warum das korporatistische System Österreichs diesen Wandel in der Finanzpolitik problemlos gemeistert hat, während er anderen Staaten weitaus größere Probleme bereitete.


ÖZP 2001/3, 275-290     [INHALT]   [Englisch]

Markus Freitag (Bern)
POLITISCHE GRUNDLAGEN GLAUBWÜRDIGER WIRTSCHAFTSPOLITIK: Österreich und die Schweiz im internationalen Vergleich

Aus international vergleichender Perspektive erhalten sowohl Österreich als auch die Schweiz in Einschätzungen die besten Stilnoten hinsichtlich ihrer wirtschaftspolitischen Glaubwürdigkeit in den 1980er und 1990er Jahren. In diesem Beitrag werden deren politisch-institutionelle Grundlagen erörtert. Der zentrale Befund lautet, dass Österreich und die Schweiz ihr Profil glaubwürdiger Wirtschaftspolitik seit Mitte der 1980er Jahre durch eine im internationalen Vergleich nahezu einmalige Ansammlung förderlicher Rahmenbedingungen erlangen. Hierbei handelt es sich um eine von den Weisungen der Regierung unabhängige Zentralbank, eine institutionalisierte Regelung zum Ausgleich konfligierender Interessen zwischen politischen Akteuren im Sinne konsensualer Praktiken, ein Umfeld konfliktarmer Arbeitsbeziehungen, institutionelle Hürden in Gestalt einer föderalen Finanzverfassung, die einer fiskalpolitischen Stimulierung der Volkswirtschaft entgegenstehen, und schließlich um die dauerhafte Zugehörigkeit zu einem Regime fester oder flexibler Wechselkurse.


ÖZP 2001/3, 291-312     [INHALT]   [Englisch]

Uwe Wagschal (Zürich)
ZWEI NACHBARN - EIN WEG? Politisch-institutionelle Bedingungen der Steuerpolitik in Deutschland und Österreich

Der erste Teil dieses Beitrages stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Steuersysteme beider Länder dar und verortet diese in einem internationalen Steuersystemvergleich. Der zweite Teil untersucht die politischen, institutionellen und sozioökonomischen Kräfte, die in beiden Ländern auf die Steuerpolitik eingewirkt haben, und erklärt die bestehenden Differenzen in der Steuerpolitik. Ausgehend von der Parteiendifferenztheorie sowie vom Vetospieleransatz werden die einzelnen Faktoren untersucht und mit anderen Erklärungsansätzen (EU, Globalisierung, ökonomischer Problemdruck) kontrastiert. Es zeigt sich, dass für die unterschiedlichen Steuerreformaktivitäten auch die geringere Zahl und die weniger mächtigen Vetospieler in Österreich mit verantwortlich sind, während die Bundesrepublik Deutschland hier stärkere institutionelle Barrieren aufweist und infolgedessen auch stärkere Widerlager bei Steuerreformen besitzt.


ÖZP 2001/3, 313-330     [INHALT]   [Englisch]

Robert Kaiser / Heiko Prange (München)
DIE AUSDIFFERENZIERUNG NATIONALER INNOVATIONSSYSTEME: Deutschland und Österreich im Vergleich

Ausgehend von der Debatte über nationale Innovationssysteme und den zahlreichen Varianten zur systemischen Analyse von Innovationsprozessen, schlägt dieser Artikel ein integriertes Analysekonzept vor, indem er argumentiert, dass es nicht zur Herausbildung autonomer Innovationssysteme auf lokaler, regionaler oder gar europäischer und internationaler Ebene gekommen ist, sondern dass sich vielmehr das nationale Innovationssystem territorial ausdifferenziert hat. Im empirischen Teil wird am Beispiel Deutschlands und Österreichs das Ausmaß der Ausdifferenzierung nationaler Innovationssysteme in Richtung auf die europäische/internationale Ebene oder auf die regional/lokale Ebene anhand der von Lundvall eingeführten Indikatoren überprüft: formale Institutionen und Normen, Finanzsystem, Public Policies, Forschungs- und Bildungssystem sowie Unternehmensaktivitäten. Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass die nationalen Innovationssysteme einem beständigen Wandel unterliegen. Diese Ausdifferenzierung variiert wiederum innerhalb der Indikatoren und zwischen den Untersuchungsstaaten. Insgesamt soll dieser Ansatz ermöglichen, die Dynamik des gesamten Ausdifferenzierungsprozesses zu verdeutlichen, da er die wachsende Bedeutung sowohl der regionalen als auch der internationalen Ebene erfasst.


ÖZP 2001/3, 331-348     [INHALT]   [Englisch]

Alfred Gerstl / Susanne Pernicka (Wien)
WIE DEMOKRATISCH IST DIE EUROPÄISCHE FORSCHUNGS- UND TECHNOLOGIEPOLITIK? Die Einbindung von Interessengruppen in den Bereichen Aeronautik und Sozioökonomie im 5. Forschungsrahmenprogramm der EU

Das wichtigste Politikinstrument, mit dem die forschungs- und technologiepolitischen Zielsetzungen der Europäischen Union umgesetzt werden, stellen die gemeinschaftlichen Rahmenprogramme dar, in denen ausgewählte Forschungsbereiche gezielt finanziell gefördert werden. Ausgehend von der These, wonach im Vergleich zu anderen distributiven Politikbereichen, wie etwa der Struktur- und Kohäsionspolitik, die europäische Forschungs- und Technologiepolitik (FTE) von ExpertInnen dominiert und politisch weniger umstritten ist, fragen wir nach der demokratischen Legitimation der FTE-Entscheidungen. Anhand einer Analyse der europäischen FTE-Politik geht es uns um die Verortung einer optimalen Kombination von Output- (Effektivität) und Input-Legitimation (repräsentative Einbindung kollektiver europäischer Interessen) der Politikfindung auf supranationaler und österreichischer Ebene im Bereich der Aeronautik und der Sozialwissenschaften. In Anlehnung an Konzepte der "assoziativen Demokratie" lässt sich eine authentische Repräsentation der Anliegen der europäischen Öffentlichkeit durch die ergänzende Beteiligung organisierter Interessengruppen erreichen. Eine Konzentration der De-facto-Entscheidungskompetenz auf wenige ausgewählte AkteurInnen droht demnoch die Effektivität im Hinblick auf eine gesellschafts- und umweltverträgliche Techniksteuerung zu unterminieren, worunter auch die Verwirklichung der zentralen Zielsetzungen der FTE-Politik, nämlich Wettbewerbsfähigkeit und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, leiden könnten.


ÖZP 2001/3, 349-364     [INHALT]   [Englisch]

Christian Mayr (Salzburg)
POLITISCHE KONTROVERSEN UM DIE (REST-) MÜLLVERBRENNUNG UND IHRE ALTERNATIVEN. Österreich im Vergleich mit Bayern und den Niederlanden

Der Artikel analysiert die Rollen und Beziehungen der Akteure, ihre Koalitionen und Netzwerke in der Politik der Abfallbeseitigung. Ausgehend vom advocacy-coalition-Ansatz und der Netzwerkanalyse wird die politische Steuerung der Abfallbeseitigung beschrieben und untersucht, inwiefern zentrale Akteure dieses Politikfeld dominieren. Vergleiche mit Ländern mit hohen Müllverbrennungskapazitäten (Niederlande und Bayern) werden durchgeführt. Der Artikel kommt zum Ergebnis, dass die Regierungen und Parlamente als die zentralen Akteure die Entscheidungsprozesse im Bereich der Abfallbeseitigung keinesfalls top down steuern können, sondern dass sie Koalitionsbildungen insbesondere der lokalen EntscheidungsträgerInnen mit VertreterInnen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Umweltbewegung berücksichtigen müssen.

 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft