2002/3
Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus in Europa

 

ÖZP 2002/3, 251-264   [INHALT]   [Englisch]

Hans-Georg Betz (Genf)
RECHTSPOPULISMUS IN WESTEUROPA: AKTUELLE ENTWICKLUNGEN UND POLITISCHE BEDEUTUNG

In den letzten Jahren hat die populistische Rechte in Westeuropa eine umfassende Ideologie entwickelt. Die Hauptmerkmale dieser Ideologie sind eine starke Betonung des Begriffs der Differenz sowie der Verteidigung kultureller Eigenheit. Die populistische Rechte benutzt beide Begriffe, um damit ihren Kampf gegen die ihrer Meinung nach zwei größten Bedrohungen der europäischen Kultur und der westlichen Werte zu legitimieren: die Globalisierung und den Islam. Diese Ideologie richtet sich an eine breite potentielle WählerInnenschaft, die weit über diejenigen Gruppen hinausgeht, die objektiv oder zumindest subjektiv am meisten von wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Modernisierungsprozessen betroffen sind. Zwar erzielte die populistische Rechte in den letzten Jahren vor allem in der ArbeiterInnenschaft überproportionale Zugewinne; diese Entwicklung bestätigt jedoch noch nicht die Modernisierungsverliererthese. Zum Verständnis der Bedeutung der rechtspopulistischen Mobilisierungserfolge in Westeuropa ist es vor allem notwendig, Identitätspolitik ernst zu nehmen. Der Interpretationsansatz von Nancy Fraser könnte sich dabei für die Analyse der programmatischen Entwicklungstendenzen der populistischen Rechten als nützlich erweisen.


ÖZP 2002/3, 265-280     [INHALT]   [Englisch]

József Bayer (Budapest)
RECHTSPOPULISMUS UND RECHTSEXTREMISMUS IN OSTMITTELEUROPA

Der Beitrag beschreibt die Entwicklung rechtsradikaler und rechtspopulistischer Parteien und Bewegungen in Ost-Mitteleuropa nach dem Systemwandel. Im Zentrum der Analyse stehen die Reformländer der Visegrád-Gruppe. Obwohl diese Parteien und Bewegungen in einer gewissen Kontinuität zu ähnlichen politischen Traditionen der Zwischenkriegszeit stehen, führt der Autor ihr Auftreten eher auf soziale Spannungen und Frustrationen bzw. politische Konflikte und Identitätskrisen des Transformationsprozesses zurück. Die traditionellen rechtsextremistischen Gruppierungen sind in Ost-Mitteleuropa politisch schwach und isoliert, der politische Populismus hingegen tritt in verstärktem Maße auf. Er stützt sich auf den wieder erstarkenden Nationalismus in der Region und wird vor allem dort zum Problem, wo die politische Mitte sich nicht klar von rechtspopulistischen Parteien abgrenzt oder der Populismus sogar konservative Mitte-Rechtsparteien durchdringt. Neuere Wahlergebnisse bestätigen den Rücklauf solcher Tendenzen als Zeichen der Konsolidierung der Demokratie. Außerdem wirkt die Aussicht auf die Europäische Integration hemmend auf extremistische und populistische Tendenzen, viel mehr noch würde der erfolgreiche Abschluss der EU-Osterweiterung zur demokratischen Konsolidierung der Transitionsländer beitragen.


ÖZP 2002/3, 281-290     [INHALT]   [Englisch]

Anton Pelinka (Wien/Innsbruck)
DIE FPÖ IN DER VERGLEICHENDEN PARTEIENFORSCHUNG. Zur typologischen Einordnung der Freiheitlichen Partei Österreichs

Die FPÖ ist eine europäische Ausnahmeerscheinung: Unter allen im Europäischen Parlament vertretenen Parteien ist sie die mit Abstand erfolgreichste unter den Parteien, die in keine Parteifamilie eingebunden und keiner Fraktion des Europäischen Parlaments angehören. Diese Verbindung aus Erfolg auf nationaler und Isolierung auf europäischer Ebene hängt mit dem spezifischen Charakter der FPÖ zusammen: Sie ist "populistisch" - weil sie beansprucht, "das Volk" gegen die Eliten zu vertreten und zu mobilisieren. Sie ist "rechtspopulistisch" - weil sie, wie andere Parteien in Europa (FN, Lega Nord, Vlaams Blok, etc.) auch, sich zur Verteidigung von (nationaler oder ethnischer) Identität gegen die Aufhebung oder verstärkte Durchlässigkeit von Grenzen wendet. Sie ist aber auch, im Gegensatz zu den meisten anderen rechtspopulistischen Parteien Europas, eine Traditionspartei - und Teil dieser Tradition ist auch die österreichische NSDAP. Erst die Kombination aller Faktoren erklärt den Erfolg der FPÖ - aber auch die internationale Reaktion auf diesen Erfolg.


ÖZP 2002/3, 291-303     [INHALT]   [Englisch]

Katrin Auer (Wien)
"POLITICAL CORRECTNESS" - IDEOLOGISCHER CODE, FEINDBILD UND STIGMAWORT DER RECHTEN

Seit Mitte der 90er Jahre wurden der Begriff "political correctness" und ein Metadiskurs über "political correctness" in österreichischen und deutschen Medien- und Politikdiskursen etabliert. Vor allem der Metadiskurs, der sich mit den ideologischen Inhalten und realpolitischen Auswirkungen auseinandersetzt, erfüllt in deutschsprachigen Diskursen spezifische Funktionen, von denen in erster Linie Konservative und Rechtsextreme profitieren. Begriff und Metadiskurs werden hier nur diskursanalytisch und ideologiekritisch untersucht. Während der Begriff "political correctness" als ideologischer Code und Stigmawort eingesetzt wird, produziert der Metadiskurs ein rechtes bzw. rechtsextremes Feindbild. Unter dem Phänomen "political correctness" wird generell das Spektrum emanzipatorischer und linker Theorie bzw. Praxis subsumiert und diffamiert. Gleichzeitig modifiziert der Metadiskurs die Bedeutung rechtsextremer und revisionistischer Inhalte, indem diesen unter Berufung auf die Meinungsfreiheit als vermeintlich notwendigen Tabubrüchen in öffentlichen Diskursen Raum gegeben werden müsse.


ÖZP 2002/3, 305-314     [INHALT]   [Englisch]

Angelika Koch (Bonn)
ARBEITSPOLITIK UND GESCHLECHTERGLEICHHEIT: Bilanz und Reformperspektiven politischer Regulierung der Gleichstellung in der Privatwirtschaft

Ein Strukturmerkmal des Arbeitsmarkts in der Bundesrepublik ist - ähnlich wie in anderen europäischen Staaten - die Geschlechtersegregation. Trotz europarechtlicher Spielräume wurde bisher auf eine gesetzliche Intervention zur Durchsetzung der beruflichen Gleichstellung von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft weitgehend verzichtet und auf korporatistische Regulierung durch Tarif- und Betriebsparteien gesetzt. Auch die jüngste Initiative der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung folgt dieser "Konsensstrategie". Weitgehend unbestritten ist in der geschlechterbezogenen Arbeitsforschung, dass es der stärkeren politischen Steuerung zur Durchsetzung des Gleichstellungsziels bedarf. Wie diese jedoch aussehen soll, wird kontrovers gesehen.

Der Artikel untersucht die Effektivität der bisherigen Gleichbehandlungspolitik und votiert für ihre grundlegende Revision. Ausgehend von aktuellen empirischen Befunden zur Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt werden erstens Defizite auf gesetzlicher Ebene sowie die Reichweite der korporatistischen Regulierung analysiert. Es zeigen sich Schwächen staatlicher Intervention, die freiwillige Regulierung durch Tarif- und Betriebsparteien versagt. Zweitens diskutiert der Beitrag im Hinblick auf die Frage nach Reformalternativen kritisch einen neuen arbeitspolitischen Ansatz zur Steuerung der Chancengleichheit, der innerhalb gesetzlicher Vorgaben dem "konsensuellen Verfahren" auf Tarif- und Betriebsebene den Vorrang gibt. Abschließend werden Kernelemente einer effektiven Gleichbehandlungspolitik herausgearbeitet.


ÖZP 2002/3, 315-336     [INHALT]   [Englisch]

Edith Gindulis (Bremen)
DIE ABTREIBUNGSREGIME DER OECD-LÄNDER UND IHRE BESTIMMUNGSFAKTOREN IM VERGLEICH

Der Abbruch einer Schwangerschaft gehört weltweit zu den leidenschaftlich diskutierten Themen der Gegenwart. Verfechter moralischer, politischer und juristischer Argumente stoßen in den Kontroversen aufeinander und prägen je nach ihrem Einflussbereich die Regulierung der Schwangerschaftsunterbrechung in den Staaten mit. Die unterschiedliche Gewichtung der einzelnen Argumente in den jeweiligen Ländern hat eine international differierende Rechtsvielfalt zufolge: Sie reicht vom generellen Verbot über das Modell einer stark eingeschränkten bis hin zu einer völlig liberalen Regelung.

Die forschungsleitenden Fragestellungen der vorliegenden Arbeit fokussieren auf die Bestimmungsfaktoren der staatlichen Gesetzgebung zum Schwangerschaftsabbruch in 22 OECD-Demokratien. Dabei greift die Untersuchung auf die Theorieschulen der international vergleichenden Staatstätigkeitsforschung zurück. Der OECD-Vergleich enthüllt, dass in ganz besonderem Maße politische Parteien die Ausgestaltung des nationalen Abtreibungsrechts determinieren. In einzelnen Ländern beeinflussen ferner Institutionen die politische Regulierung der Schwangerschaftsunterbrechung.


ÖZP 2002/3, 337-361     [INHALT]   [Englisch]

Joachim Blatter (Konstanz)
ZURÜCK INS MITTELALTER? WESTFÄLISCHE SOUVERÄNITÄT ALS NATIONALSTAATLICHE MONOPOLISIERUNG DER AUSSENPOLITIK. Historische Entwicklung und Unterschiede in den Bundesstaaten Deutschland, Österreich und der Schweiz

Der Aufsatz untersucht die historische Entwicklung der rechtlichen Regelungen im Bereich der außenpolitischen Kompetenzen in den Föderalstaaten Deutschland, Schweiz und Österreich seit dem Westfälischen Frieden von 1648. Die aktuellen Diskussionen zur Außenpolitik von subnationalen Einheiten werden dadurch in einen längeren historischen Kontext gestellt. Zumindest in Bezug auf den strukturellen Indikator "Monopolisierung der gate-keeper-Position zwischen Innen- und Außenpolitik durch die nationalstaatlichen Exekutiven" zeigt sich, dass die aktuellen Thesen von einem Wandel des Westfälischen Systems souveräner, territorial exklusiver Nationalstaaten und einer Entwicklung zurück zum mittelalterlichen System überlappender Herrschaften wenig Bestätigung finden. Die vergleichende Untersuchung verdeutlicht aber auch, dass sowohl beim Übergang von der mittelalterlichen zur modernen Ordnung wie auch bei den aktuellen Veränderungstendenzen bereits bei so "verwandten" Staaten wie Deutschland, Österreich und der Schweiz erhebliche Unterschiede in Bezug auf die Dauer und die Stabilität des nationalstaatlichen Monopols in der Außenpolitik festzustellen sind.

 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft