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ÖZP 2002/4, 379-395 [INHALT] [Englisch]
Martin Hartmann (Frankfurt/Main)
AUSSICHTEN AUF VORTEILE? GRENZEN RATIONALER VERTRAUENSMODELLE
IN DER POLITIKANALYSE
Die jüngste Welle der Beschäftigung mit Vertrauen
geht einher mit einem verstärktem theoretischen Interesse
an "weichen" Variablen der Sozialanalyse. Die zentrale
Stellung eines "harten" rationalen, am Nutzen orientierten
Handelns soll ersetzt werden durch die Betonung emotionaler,
kultureller oder normativer Aspekte sozialer Interaktion. Vor
allem ein genauerer Blick auf neuere politikwissenschaftliche
Theorien des Vertrauens zeigt aber, dass spieltheoretische oder
Rational-Choice-Ansätze nach wie vor dominieren. In einer
ideengeschichtlich ausgerichteten Untersuchung klassischer Texte
der politischen Theorie soll zunächst gezeigt werden, dass
Modelle des rationalen Vertrauens eine lange Geschichte haben,
die aber schon früh, insbesondere im Werk John Lockes, einen
anderen, hier "ethisch" genannten Vertrauensmodell
gegenübergestellt werden. Die Rekonstruktion des historischen
Theoriebestands soll zeigen, dass die Übertragung des vor
allem im Kontext marktförmigen Handelns entwickelten rationalen
Vertrauensmodells auf die politische Sphäre die spezifischen
Erfordernisse eines politischen Vertrauens verfehlt und kontraproduktive
Konsequenzen zeitigt. Diese These wird unter Zuhilfenahme neuerer
Literatur zum Problem der Repräsentation kurz veranschaulicht.
ÖZP 2002/4, 397-412 [INHALT] [Englisch]
Dietlind Stolle (Montréal)
TRUSTING STRANGERS - THE CONCEPT OF GENERALIZED TRUST IN PERSPECTIVE
Generalisiertes Vertrauen ist eine wichtige gesellschaftliche
Ressource und ist als integraler Aspekt und Messinstrument des
sozialen Kapitals anerkannt. Dieser Artikel gibt einen Überblick
über das Konzept des generalisierten Vertrauens. Hierzu
wird zunächst generalisiertes Vertrauen mit anderen Formen
von Vertrauen in der interdisziplinären Literatur verglichen,
wie strategisches oder rationales Vertrauen, identitätsbezogenes
Vertrauen sowie moralisches Vertrauen. Diese Vertrauensmodelle
unterscheiden sich in der Auffassung darüber, was Vertrauen
ist, wie es entwickelt wird, und hinsichtlich der Zahl von BürgerInnen,
die in das Vertrauen miteinbezogen werden. Zum zweiten werden
die Erkenntnisse der Vertrauensmodelle benutzt, um den Ursprung
und die Ursachen des generalisierten Vertrauens zu identifizieren.
Dabei wird zwischen zwei Ansätzen unterschieden: der zivilgesellschaftliche
und der institutionelle Mechanismus. Die empirische Forschung
konnte die Annahmen über die Relevanz von Vereinen für
die Entwicklung von generalisiertem Vertrauen nicht in der ursprünglichen
Form bestätigen. Stattdessen spielen institutionelle Aspekte
wie Gerechtigkeit und Unparteilichkeit eine größere
Rolle für generalisiertes Vertrauen, wobei allerdings weitere
Forschung das Kausalitätsproblem entflechten muss.
ÖZP 2002/4, 413-426 [INHALT] [Englisch]
Jan A. Fuhse (Stuttgart)
KANN ICH DIR VERTRAUEN? STRUKTURBILDUNG IN DYADISCHEN SOZIALBEZIEHUNGEN
Der Beitrag versucht Vertrauen in einer konstruktivistisch-systemtheoretischen
Modellierung sozialer Beziehungen zu verorten. Vertrauen wird
als eine Sinnstruktur in Alter-Ego-Dyaden verstanden, die Kooperation
wahrscheinlich macht. Damit kommt dem Vertrauensbegriff kein
substantieller oder analytischer Mehrwert gegenüber dem
Struktur- oder Beziehungsbegriff zu. Vertrauen ist vielmehr eine
Komponente der Strukturbildung in Sozialbeziehungen. In einem
zweiten Schritt wird der so rekonstruierte Vertrauensbegriff
in den Kontext sozialer Netzwerke eingeordnet. Dabei wird klar,
dass dichte Netzwerke über ihr soziales Druckpotenzial auch
Vertrauen generieren. Zugleich werden Netzwerke über Vertrauen
an die Domäne der Moral gekoppelt. Beide Kopplungen lassen
mit zunehmender gesellschaftlicher Differenzierung in der Moderne
immer weiter nach. Abschließend werden die vorgetragenen
Überlegungen kurz auf Vertrauen in die Politik angewandt.
Auch Beziehungen zwischen personalen Akteuren (WählerInnen)
und institutionellen Akteuren (Parteien, Staat) folgen dem allgemeinen
Strukturmodell sozialer Beziehungen. Mit der Ablösung der
Politik aus der religiös-moralischen Domäne und aus
persönlichen Netzwerken wird Vertrauen in Politik in der
Moderne immer mehr zu einem Problem.
ÖZP 2002/4, 427-450 [INHALT] [Englisch]
Dieter Fuchs / Oscar W. Gabriel / Kerstin Völkl (Stuttgart)
VERTRAUEN IN POLITISCHE INSTITUTIONEN UND POLITISCHE UNTERSTÜTZUNG
Eine Voraussetzung für den Bestand repräsentativer
Demokratien ist, dass die Bürger den politischen Institutionen
ein gewisses Maß an Vertrauen entgegenbringen. Nach Easton
(1965) ist das Konzept des politischen Vertrauens in dem Konzept
der politischen Unterstützung zu verorten. 30 Jahre später
kommt mit Putnam (1993) ein zweiter theoretischer Strang auf,
der politisches Vertrauen als zentralen Bestandteil von Sozialkapital
betrachtet. Das Ziel des Beitrags besteht darin, zu klären,
welche Rolle das Institutionenvertrauen im Zusammenhang mit dem
Unterstützungskonzept Eastons einerseits sowie dem Sozialkapitalansatz
Putnams andererseits spielt. Die Analysen, die für die Länder
Deutschland, Schweiz, Norwegen, Schweden, Spanien und die USA
durchgeführt werden, basieren auf Daten der dritten Welle
des World Values Surveys (1995-97). Als Untersuchungsergebnis
lässt sich festhalten, dass eine generalisierte Dimension
des Institutionenvertrauens in der Bevölkerung besteht,
die die Verortung in Eastons Konzept politischer Unterstützung
rechtfertigt. Bei einer Differenzierung des Vertrauens der Bürger
zu Institutionen des Rechtsstaats (Polizei, Justiz) und des Parteienstaats
(Parlament, Parteien, Regierung) zeigt sich jedoch, dass Putnams
Sozialkapitalkonzept ebenso einen relevanten Erklärungsbeitrag
leistet.
ÖZP 2002/4, 451-469 [INHALT] [Englisch]
Martin Beck (Jerusalem / Tübingen)
RATIONALISMUS, ETHIK UND KRIEG: ZUR MORAL UND LOGIK DER ISRAELISCHEN
"OPERATION SCHUTZSCHILD" IM FRÜHJAHR 2002
Nachdem es in Israel und den palästinensischen Gebieten
seit Beginn der Zweiten Intifada im September 2000 zu einer neuen
Spirale von Gewalt und Gegengewalt gekommen war, holte Israel
im Frühjahr 2002 zu einer der größten Militäroperationen
in seiner Geschichte aus und griff weite Teile der palästinensischen
Autonomiegebiete an. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht stellen
sich zwei Fragen, eine normative und eine empirische: War die
"Operation Schutzschild" ein berechtigter Krieg, und
aus welchen Gründen wurde er von Israel geführt? Der
Aufsatz strebt einen Beitrag zur Klärung der normativen
Frage an, indem versucht wird, die "Lehre vom gerechten
Krieg" auf den vorliegenden Fall anzuwenden. Um zu einer
Erklärung des israelischen Verhaltens zu gelangen, wird
auf der Basis des Konzepts des "subjektiven Zweckrationalismus"
geprüft, ob sich die "Operation Schutzschild"
als rational verstehen lässt, wenn man das offiziell von
Israel betonte Ziel zugrundelegt, für die Sicherheit israelischer
ZivilistInnen zu sorgen. Weiterhin wird die von KritikerInnen
Scharons vorgebrachte Hypothese geprüft, ob Israel mit seiner
Kampagne das Ziel verfolgte, die Besatzung zu festigen. Ergebnis
der Untersuchung ist zum einen, dass die "Operation Schutzschild"
gemäß der "Lehre vom gerechten Krieg" nicht
als berechtigter Krieg angesehen werden kann. Zum anderen erweist
sich die Erklärung, dass der Kampagne primär das Ziel
der Zementierung der Besatzung zu Grunde lag, als plausibel,
während dem Ziel der Terrorismusbekämpfung nur eine
sekundäre Rolle zugemessen werden kann. |