2003/1
Subregionale Kooperation in der Europäischen Union

 

ÖZP 2003/1, 7-18   [INHALT]   [Englisch]

Sophie Vanhoonacker (Maastricht)
A REVIVAL OF THE BENELUX?

Seit Mitte der 1990er Jahre scheint die Benelux neuen Auftrieb erhalten zu haben, nicht als internationale Organisation, aber in Form einer engeren Zusammenarbeit ihrer Mitglieder im Rahmen der EU. Durch eine Reihe von Memoranda betreffend die zukünftige Entwicklung der EU und spezifische Themen, wie Justiz- und Innenpolitik, waren sie bemüht, den Prozess der europäischen Integration in Richtung einer Vertiefung voranzutreiben. Durch ihren Zusammenschluss versuchen sie, größeren Einfluss auszuüben und die Interessen kleinerer Staaten besser zu vertreten. Gute persönliche Beziehungen auf höchster politischer Ebene haben bei der Herstellung der Verbindungen eine große Rolle gespielt.
Die engeren Beziehungen bedeuten allerdings nicht den Beginn einer 'ménage à trois'. Die Kooperation findet in erster Linie auf höchster Ebene (zwischen den MinisterpräsidentInnen) statt und ist in sehr flexibler und pragmatischer Weise organisiert. Die Kooperation ist keineswegs allumfassend, und es bestehen weiterhin wichtige ökonomische, kulturelle und politische Unterschiede zwischen den drei Ländern. Sie ist auch keineswegs exklusiv, sondern Teil einer breiteren Strategie der Netzwerkbildung innerhalb der EU.


ÖZP 2003/1, 19-32     [INHALT]   [Englisch]

Preben Bonnén/Michael Søsted (Aarhus)
THE ORIGIN, DEVELOPMENT AND PERSPECTIVES OF NORDIC CO-OPERATION IN A NEW AND ENLARGED EUROPEAN UNION

Die Voraussetzungen für eine Kooperation im Sicherheitsbereich sollten für die nordischen Länder in vielerlei Hinsicht besser sein als für ganz Europa. Es besteht dort ein Netzwerk für Kontakte und Kooperationen zwischen Regierungen, Bürokratien, nationalen Parlamenten, politischen Parteien, Handels- und Arbeitsorganisationen. Die Vereinigung "Norden" bezieht sich auf Solidarität, gegenseitiges Verständnis und grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Im Gegensatz zu anderen Formen zwischenstaatlicher Kooperation - wie SAS, Nordischer Rat, nordische Passunion, nordische Freihandelszone innerhalb der EFTA - haben es die nordischen Länder im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungspolitik aber nicht zu einer ähnlich intensiven Zusammenarbeit gebracht. Das rührt auch daher, dass nordische Kooperation traditionellerweise innerhalb eines breiteren europäischen (und transatlantischen) Rahmens am besten funktioniert hat. Damit die nordischen Länder ihre Möglichkeiten innerhalb der EU besser nutzen, ist es nötig, dass sie eine entspanntere und realistischere Einstellung gegenüber der Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik entwickeln. Solange Dänemark, Schweden und Finnland jedoch ihre so genannte "kollektive" nordische Zurückhaltung bezüglich Verteidigung beibehalten, wird es keine optimale Kooperation innerhalb der EU geben..


ÖZP 2003/1, 33-44     [INHALT]   [Englisch]

Ulrike Guérot (Berlin)
DIE DEUTSCH-FRANZÖSISCHE KOOPERATION IN EUROPA: EIN BLICK IN DIE VERGANGENHEIT UND EINE AGENDA FÜR DIE ZUKUNFT

Die deutsch-französischen Beziehungen, seit jeher Motor der europäischen Integration, sind durch verschiedene Faktoren in den 1990er Jahren in eine zunehmend schwere Krise geraten. Die Umbrüche des Jahres 1989, verschiedene Sichtweisen über die Unabhängigkeit der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) gegenüber den USA sowie Streitigkeiten über die Modalitäten der Wirtschafts- und Währungsunion haben dazu ebenso beigetragen wie der Wechsel der politischen Führung in beiden Ländern. In Ermangelung eines gemeinsamen Konzepts zur politischen Ausgestaltung der EU-Osterweiterung gibt es - trotz jüngster Versuche der Annäherung - weiterhin Divergenzen über die institutionellen und finanziellen Konsequenzen der Erweiterung. Das deutsch-französische Tandem ist zwar noch notwendige, aber nicht mehr hinreichende Bedingung für Fortschritte in der europäischen Integration.


ÖZP 2003/1, 45-56     [INHALT]   [Englisch]

Pal Dunay (Geneva)
SUBREGIONAL CO-OPERATION IN EAST-CENTRAL EUROPE: THE VISEGRÁD GROUP AND THE CENTRAL EUROPEAN FREE TRADE AGREEMENT

Der Beitrag analysiert die Entwicklung, den gegenwärtigen Stand und die Zukunft der Visegrád-Gruppe, eines der erfolgreichsten Foren für subregionale Kooperation in Ostmitteleuropa. Das Fehlen formalisierter institutioneller Strukturen hat ein flexibles, für Änderungen offenes Arrangement hervorgebracht. Gleichzeitig war es damit anfällig für Störungen, die mit einer stärker institutionalisierten Struktur vermieden werden hätten können. Während das vorrangige Ziel in den 1990er Jahren darin bestanden hatte, das Erbe der Vergangenheit zu beseitigen, einen Beitrag zur Auflösung des Warschauer Paktes und zum Rückzug der sowjetischen Truppen aus der Region zu leisten sowie die "Rückkehr" der Länder nach Europa zu koordinieren, stehen heute die Integration in die EU, Hilfe bei der demokratischen Konsolidierung der Post-Meciar-Slowakei und pragmatische Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen im Vordergrund. Offen bleibt, ob die Gruppe nach einem EU-Beitritt noch Zukunft hat. Der Autor ist der Ansicht, dass sich das Zentraleuropäische Freihandelsabkommen nach der EU-Erweiterung erübrigen wird, während die Visegrád-Gruppe auch danach noch Restaufgaben zu erfüllen haben wird.


ÖZP 2003/1, 57-76     [INHALT]   [Englisch]

László J. Kiss (Budapest) / Lucie Königova (Prag) / Paul Luif (Vienna)
DIE "REGIONALE PARTNERSCHAFT": SUBREGIONALE ZUSAMMENARBEIT IN DER MITTE EUROPAS

Die AutorInnen deuten "subregionale" Zusammenarbeit als Kooperation zwischen benachbarten Staaten und legen Kriterien für ihre Beurteilung dar. Sie erläutern die Entwicklung der österreichischen Nachbarschaftspolitik und stellen die Diskussion über "Mitteleuropa" kurz dar. Österreich konzentrierte sich in der ersten Hälfte der 1990er Jahre auf den Beitritt zur EU, der 1995 erreicht wurde. In der Folge der "Sanktionen" der EU-14 schlug Außenministerin Ferrero-Waldner im Februar 2001 vor, dass Österreich, ohne wirkliche Partner in der EU, mit seinen Nachbarn und zukünftigen EU-Mitgliedern (einschließlich Polens) eine "Interessengemeinschaft zentraleuropäischer Staaten" bilden sollte, ähnlich Benelux oder der nordischen Kooperation; sie wurde schließlich "Regionale Partnerschaft" genannt. Die AutorInnen zeigen die eher positive Resonanz in Ungarn und die weitgehend skeptische Aufnahme der Initiative in Tschechien auf und stellen empirische Indikatoren (Außenhandel, Meinungsumfragen) für die Einschätzung der Zusammenarbeit dar. Mit regelmäßigen Treffen der AußenministerInnen und VertreterInnen verschiedener technischer Ministerien hat die "Regionale Partnerschaft" eine gewisse informelle Struktur entwickelt. Trotzdem erfüllt sie nur einen Teil der Kriterien für subregionale Zusammenarbeit.


ÖZP 2003/1, 77-96    [INHALT]   [Englisch]

Brigitte Young / Simon Hegelich (Münster)
SHAREHOLDER KAPITALISMUS UND DAS CASINO SPIEL AN DEN AKTIENBÖRSEN

Das Konzept des Shareholder Value ist durch die jüngsten Entwicklungen im Unternehmenssektor, vor allem durch die Bilanz- und Betrugsskandale von TNC's und die damit verbundene Vernichtung von Arbeitsplätzen in die Kritik geraten. In den politischen Debatten über Shareholder Value wird ein Systemunterschied zwischen dem "Stakeholder-Ansatz" (wie im rheinischen Kapitalismus) und dem mit der Liberalisierung der Finanzmärkte Ende der 70er Jahre in den USA entwickelten Begriff Shareholder Value (angelsächsischer Kapitalismus) skizziert. Ziel des Papiers ist es die Widersprüchlichkeit und Ungenauigkeit des Shareholder Value Konzeptes theoretisch zu untersuchen, um dann zu zeigen, wie Shareholder Value den amerikanischen Kapitalismus seit den 70er Jahren verändert hat und warum diese Variante des Kapitalismus sich auch immer mehr als Unternehmerstrategie in Europa durchsetzt.


ÖZP 2003/1, 97-108     [INHALT]   [Englisch]

Irene Dingeldey (Bremen)
POLITIKFELDÜBERGREIFENDE KOORDINATION ALS NEUE STEUERUNGSFORM IM AKTIVIERENDEN SOZIALSTAAT? Eine Analyse der Employability Politik in Dänemark, Deutschland und Großbritannien am Beispiel der Beschäftigungsfähigkeit von Müttern

Das Ziel der employability im Rahmen der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik wird als exemplarisch für einen Wandel des Wohlfahrtsstaates zum aktivierenden Sozialstaat verstanden. Ziel des Beitrages ist es, eine empirische Überprüfung der mit dem aktivierenden Sozialstaat verbundenen Thesen der Universalisierung der Arbeitsmarktteilhabe sowie der mit der staatlichen Gewährleistungsverantwortung von Chancengleichheit verbundenen Einführung neuer Steuerungsformen zu leisten. Dazu wird exemplarisch die Umsetzung des Ziels der Beschäftigungsfähigkeit von Müttern mit betreuungsbedürftigen Kindern in Deutschland, Dänemark und Großbritannien untersucht. Im Vordergrund steht die Frage, ob im Sinne eines Holistic Government eine politikfeldübergreifende Koordination zwischen Arbeitsmarkt- und Familienpolitik in den verschiedenen Ländern umgesetzt wird. Ergebnis der Untersuchung ist, dass sowohl das Ausmaß der Arbeitsmarktaktivierung von Müttern als auch der Grad erfolgreicher Koordination von Arbeitmarkt- und Familienpolitik durch die unterschiedliche Konstituierung wohlfahrtsstaatlicher Institutionen und Normen beeinflusst wird.


 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft