2003/2
Geschlecht und Biomedizinpolitik. Vergleichende Perspektiven

 

ÖZP 2003/2, 125-136   [INHALT]   [Englisch]

Gabriele Abels (Bielefeld) / Kathrin Braun (Hannover) / Teresa Kulawik (Stockholm)
FEMINISTISCH-POLITOLOGISCHE PERSPEKTIVEN AUF BIOMEDIZINPOLITIK: EINLEITUNG

PolitologInnen sind in der gegenwärtigen kontroversen Debatte zur Biomedizinpolitik sowohl mit wissenschaftlichen Analysen als auch als ExpertInnen in einschlägigen Beratungsgremien erstaunlich abwesend. Dabei könnte die Politikwissenschaft mit ihren unterschiedlichen Teildisziplinen wichtige Beiträge zur Erforschung von Biomedizinpolitik leisten. Für das Fehlen kann ein Bündel von Faktoren identifiziert werden, von der Spezifik des Politikfeldes über methodologische und theoretische Orientierungen der Politikwissenschaft bis hin zu wissenschaftspolitischen Motiven. Ein zentraler Grund ist die Überschneidung dreier Themen- und Problemfelder, die im politikwissenschaftlichen Mainstream tendenziell als außerpolitisch gelten und/oder in unzureichender Weise theoretisch erfasst sind: Körper, Ethik und Naturwissenschaften/Technologie. Feministische Politikwissenschaft ist in verschiedener Hinsicht für die Analyse von Biomedizinpolitik besser gerüstet, da sie mit der Analyse von Körperpolitik und mit normativen Fragen Erfahrungen hat.


ÖZP 2003/2, 137-148     [INHALT]   [Englisch]

Kathrin Braun (Hannover)
EMBRYONEN IM SOZIALEN KONTEXT? Die Rolle von geschlechtersensitiven Argumenten und von Frauen als Akteurinnen in der Bioethikdebatte in Deutschland

In den Jahren 2000/2001 wurde in Deutschland eine außerordentlich intensive öffentliche Debatte geführt, in deren Zentrum Präimplantationsdiagnostik, embryonale Stammzellforschung und das geltende Embryonenschutzgesetz standen. Der vorliegende Beitrag untersucht, inwieweit Frauen aktiv an dieser Debatte partizipiert haben und inwieweit die ethischen, rechtlichen und sozialen Implikationen der neuen Biomedizin aus einer geschlechtersensitiven Perspektive problematisiert wurden, d.h. inwieweit ein engendering der Bioethikdebatte stattgefunden hat. Der Beitrag kommt zu dem Schluss, dass ein hoher Frauenanteil unter den AkteurInnen sich zwar als förderlich, jedoch nicht als hinreichend für den Prozess des engendering erwiesen hat. Von großer Bedeutung war darüber hinaus das framing der zur Debatte stehenden Probleme: Die Durchsetzung eines technikzentrierten frames ging tendenziell mit einem Prozess des dis-engendering einher.


ÖZP 2003/2, 149-161     [INHALT]   [Englisch]

Svea Luise Herrmann (Hannover)
DEREGULATION VIA REGULATION: On the Moralisation and Naturalisation of Embryonic Stem Cell Research in the British Parliamentary Debates of 2000/2001

Ende 2000/Anfang 2001 legalisierte das britische Parlament das sog. "therapeutische" Klonen und die embryonale Stammzellforschung durch eine Änderung des Human Fertilisation and Embryology Act von 1991. Die Autorin beschreibt diese Änderung als Deregulierung durch Regulierung und untersucht, wie dieses Paradoxon in den Debatten im britischen Parlament über die Moralisierung und Naturalisierung des Issues "gelöst" wurde. Während einerseits die Vernutzung von Embryonen in der Forschung als "natürlich" und gleichzeitig als eine Frage der persönlichen moralischen Haltung und Entscheidung konzeptionalisiert wurde, wurde andererseits eine generelle rechtliche Einschränkung der Forschung als "moralische Nötigung" dargestellt. Frauen/Paare wurden in den Debatten als diejenigen konstruiert, die, als Resultat ihrer natürlich-biologischen Beziehung zum Embryo, moralisch sowohl für die Begrenzung als auch die Ermöglichung der Forschung verantwortlich sind. Das Parlament hingegen hatte letztendlich nur die Funktion, Entscheidungsmöglichkeiten einzuräumen und generelle Begrenzungen der Forschung zu vermeiden.


ÖZP 2003/2, 163-175     [INHALT]   [Englisch]

Teresa Kulawik (Stockholm)
EXPERTINNEN UNTER SICH? Geschlecht, Demokratie und Biotechnikpolitik in Schweden

Schweden ist berühmt für seinen umfassenden Wohlfahrtsstaat und seine Gleichstellungspolitik. Es mag deshalb verwundern, dass es nicht nur zu den Vorreitern auf dem Gebiet der Biotechnologie zählt, sondern über besonders "liberale" staatliche Regelungen verfügt. Verbrauchende Embryonenforschung ist erlaubt, ebenso die Präimplantationsdiagnostik. Dieser Artikel rekonstruiert zunächst die schwedische Rechtsentwicklung, untersucht dann im Kontext der Institutionen und Akteure, ob und wie Frauen an den Willensbildung- und Entscheidungsprozessen partizipierten und wendet sich abschließend den öffentlichen und politischen Diskursen zu. Dabei wird deutlich werden, dass Frauen zwar in hohem Maße an den politischen Prozessen beteiligt waren, dass sie jedoch keinen besonderen Standpunkt zur Biotechnologie vertreten. Sie teilen vielmehr den Beinahe-Konsensus, wonach Biotechnologien durch ihre guten Ziele, z.B. dem Leiden der Frauen/Eltern an "unfreiwilliger Kinderlosigkeit" abzuhelfen, gerechtfertigt sind. Die Anwendung selektiver Praktiken, wie der Präimplantationsdiagnostik, wird als konsequente Fortsetzung der mit dem Abtreibungsrecht begründeten Selbstbestimmung aufgefasst.


ÖZP 2003/2, 177-188     [INHALT]   [Englisch]

Gabriele Abels (Bielefeld)
FRAUEN UND EMBRYONEN IM POLICY-FRAME SUPRANATIONALER BIOPOLITIK: Chancen und Grenzen eines engendering

Die embryonale Stammzellforschung stand seit 2000 auch auf der Agenda der EU im Kontext des 6. Forschungsrahmenprogramms. Der Beitrag geht erstens der Frage nach, welche Rolle Akteurinnen in der supranationalen Debatte gespielt haben sowie zweitens ob und, wenn ja, wie ein engendering im Sinne einer Thematisierung möglicher geschlechtsdifferenter Technikfolgen der supranationalen Politik stattgefunden hat. Dabei zeigt sich, dass Frauen, allen voran Europaparlamentarierinnen, in der Debatte stark repräsentiert waren und sie aktiv mitgestaltet haben. Geschlechtersensitive Argumente standen zwar nicht im Mittelpunkt der EU-Debatte, sie wurden jedoch immerhin verschiedentlich thematisiert - und zwar fast ausschließlich als Gefahr einer "Instrumentalisierung" von Frauen als Eizellspenderinnen. Der Beitrag verweist auf Möglichkeiten und Grenzen, soziale Bewertungsaspekte wie Geschlechterverhältnisse einzuführen, um die technikzentrierte und wettbewerbspolitische Forschungsprogrammatik der EU zu verändern.


ÖZP 2003/2, 189-200    [INHALT]   [Englisch]

Christine Rothmayr (Genf)
POLITIKFORMULIERUNG IN DER FORTPFLANZUNGSTECHNOLOGIE: Partizipation und Einfluss feministischer Gruppierungen im internationalen Vergleich

Der Artikel geht aus vergleichender Perspektive der Frage nach, ob die festgestellten beträchtlichen Unterschiede in den Politiken im Bereich der Fortpflanzungstechnologie auf eine je nach Land unterschiedlich starke und einheitliche Mobilisierung sowie erfolgreiche Partizipation feministischer und frauenpolitischer Gruppierungen zurückgeführt werden kann. Es werden sechs Länder verglichen, die Schweiz, Deutschland, Norwegen, Belgien, Italien und Kanada. Der Artikel kommt zu dem Schluss, dass für die "erste Generation" von Politiken, die als Reaktion auf die Verbreitung und Routinisierung der In-vitro-Fertilisation erlassen wurden, von einem sehr beschränkten Einfluss feministischer Gruppen im Speziellen und Frauenorgansiationen im Allgemeinen auszugehen ist.


ÖZP 2003/2, 201-211     [INHALT]   [Englisch]

Petra Grabner (Salzburg)
SCHLAGLICHTER AUF DIE ÖSTERREICHISCHE BIOPOLITISCHE DEBATTE

Die österreichische Biopolitikdiskussion setzte im Vergleich zu anderen europäischen Ländern mit geringerer Intensität und einer gewissen Verspätung ein. Mittlerweile allerdings setzt sich auch hierzulande der Trend zur "Institutionalisierung von Ethik" (in Form der Etablierung der nicht unumstrittenen Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt) und zur Initiierung eines öffentlichen "Diskurses" durch, wie jüngste entsprechende Initiativen klar belegen. Erneut werden damit Modelle aus anderen Ländern in den heimischen Politikgestaltungsprozess übertragen, wie auch die inhaltliche Debatte und Akteurskonstellationen teilweise deutliche Parallelen zu anderen Ländern (wie z.B. Deutschland) aufweisen. Vor diesem Hintergrund und durch einen Rückblick auf vorangegangene Phasen der Biotechnologiepolitik bzw. -debatte wird in diesem Kommentar auf die Einrichtung von Kommissionen, partizipativen Modellen der Entscheidungsfindung, politischen Entscheidungsbedarf und (Nicht)Entscheidungen sowie thematische Kontroversen bzw. das issue framing der jüngsten Zeit fokussiert und eine erste kritische Einschätzung der aktuellen biopolitischen Diskussion gegeben. Gerade in Fragen der Biopolitik besteht allerdings weiterhin Forschungsbedarf.


ÖZP 2003/2, 213-216     [INHALT]   [Englisch]

Anton Pelinka (Wien/Innsbruck)
GERHARD LEHMBRUCH UND DIE ÖSTERREICHISCHE POLITIKWISSENSCHAFT

Gerhard Lehmbruchs 75. Geburtstag ist der Anlass, über Lehmbruchs wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Politikwissenschaft in Österreich vor mehr als dreißig Jahren zu reflektieren. Als Wissenschafter - insbesondere im Zusammenhang mit seiner Buch "Proporzdemokratie" - und als Kollege zählte er zu jenen Nicht-Österreichern, die eine kleine Zahl junger österreichischer Politologinnen und Politologen in den 60er Jahren inspirierte. Gerhard Lehmbruch gehörte zu jenen (vor allem US-amerikanischen und deutschen) PolitologInnen, die - direkt und indirekt - der Politikwissenschaft halfen, sich in einem Land zu definieren, das den Großteil seiner Erinnerung an die besonderen österreichischen Wurzeln der modernen Sozialwissenschaften begraben hatte.


ÖZP 2003/2, 217-223     [INHALT]   [Englisch]

Barbara-Anita Blümel (Wien)
SYMPOSION ZUM 10-JAHRES-JUBILÄUM DES "JOURNAL FÜR RECHTSPOLITIK"

"Ein Verfassungskonvent für Österreich?" lautete das Thema des Symposions, das am 18. November 2002 anlässlich des zehnjährigen Bestehens des "Journal für Rechtspolitik" im Parlament abgehalten wurde. Da im Zusammenhang mit den Fortschritten des EU-Verfassungskonvents die Konventsidee auch in Österreich aufgegriffen wurde, war es zentrales Anliegen, die Möglichkeit, Sinnhaftigkeit und Chance eines Verfassungskonvents für Österreich zu diskutieren. Außerdem wurde im Rahmen der Veranstaltung FORUM PARLAMENT präsentiert. Das nächste Heft des FORUM PARLAMENT erscheint zum Schwerpunktthema "Österreich-Konvent".

 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft