2003/3
Europäisierung aus Akteursperspektive: Die Zähumg der Widerspentigen?

 

ÖZP 2003/3, 239-249 [INHALT]   [Englisch]

Nick Sitter (Sandvika)
EURO-SCEPTICISM AS PARTY STRATEGY: PERSISTENCE AND CHANGE IN PARTY-BASED OPPOSITION TO EUROPEAN INTEGRATION

Parteien, die eine grundsätzlich oder bedingt ablehnende Haltung der europäischen Integration gegenüber vertreten, sind im gesamten politischen Spektrum zu finden. Ein kursorischer Blick auf die europäische Parteienlandschaft zeigt, dass Mitte-Links- und Mitte-Rechts-Parteien eher nicht zur Übernahme einer grundsätzlich euro-skeptischen Position tendieren, obwohl sie bestimmte Aspekte der europäischen Integration ablehnen mögen, wenn diese programmatischen Zielen zuwiderlaufen. Bis auf einige bedeutende Ausnahmen beschränkt sich die prinzipielle Ablehnung auf Parteien an den Rändern des politischen Spektrums bzw. auf Parteien, die spezifische Interessen und Identitäten repräsentieren. Basierend auf der Annahme, dass die Entscheidung einer Partei für die Annahme einer europa-skeptischen Haltung bzw. deren Modifikation eine strategische ist, untersucht der Beitrag die Wurzeln für den Euroskeptizismus der Partien und die Dynamiken seiner Unveränderlichkeit bzw. seines Wandels. Die Parteistrategie ist untrennbar mit der Position der Partei im jeweiligen Parteiensystem verbunden und wird von der Abwägung der folgenden vier, das Wesen einer politischen Partei bestimmende Ziele bestimmt: dem organisatorischen Überleben, der Umsetzung spezifischer programmatischer Ziele (policies), der Stimmenmaximierung (votes) und der Ausübung von Regierungsgewalt (office). Obwohl viele, wenn nicht sogar fast alle Parteien Strategien der sog. Catch-all-Parteien oder Kartellparteien verfolgen, hat doch eine beachtliche Anzahl an Parteien alternative oder gemischte Strategien gewählt. Die euro-skeptischen Tendenzen der Parteien und die Anreize für eine solche ablehnende Haltung werden mit diesen unterschiedlichen Strategien in Zusammenhang gebracht und analysiert. Folgenden Fragen wird nachgegangen: Warum übernehmen Parteien euro-skeptische Positionen und warum verändern sie diese? Die "Zähmung der Widerspenstigen" oder die Abschwächung des Euroskeptizismus kann über Veränderungen in der Gewichtung der vier Ziele oder den Rahmenbedingungen erfolgen oder über eine Kombination aus beiden.


ÖZP 2003/3, 250-270     [INHALT]   [Englisch]

Andreas Aust (Berlin)
VON 'SKEPTIKERN' ZU 'MUSTERSCHÜLERN'? DIE EUROPÄISIERUNG DER SOZIALDEMOKRATIE

Der Beitrag untersucht die 'Zähmung der Widerspenstigen' für die europäische Sozialdemokratie und konzentriert sich im ersten Teil auf die Analyse der europapolitischen Programmatik der sozialdemokratischen Parteien. Zunächst begründet der Autor die Ausgangshypothese, dass zwischen den traditionellen Politiken der Sozialdemokratie und der europäischen Marktintegration ein funktionales Spannungsverhältnis besteht, welches die Erwartung einer skeptischen Haltung gegenüber der europäischen Integration plausibel macht. In der empirischen Analyse werden dann die europaskeptischen Parteien der europäischen Sozialdemokratie identifiziert, deren programmatischer Wandel zu 'Musterschülern' nachgezeichnet und als Lernprozess zu erklären versucht. Die Herausbildung einer europäischen Parteiebene (seit 1992: 'Sozialdemokratische Partei Europas') wird als die zentrale institutionelle Innovation im Prozess der 'Europäisierung' der Sozialdemokratie im zweiten Teil untersucht. Obwohl keine autonom handlungsfähige Parteiebene, wirkt die Kooperation in diesem institutionellen Rahmen für die beteiligten nationalen AkteurInnen sozialisierend und kann daher als eigenständiger Mechanismus der 'Europäisierung' sozialdemokratischer Parteien begriffen werden. Gleichzeitig offenbart die Analyse der SPE in den 1990er Jahren aber auch die strategischen Konflikte, die einer effektiveren Koordination entgegenstanden.


ÖZP 2003/3, 271-284     [INHALT]   [Englisch]

Paolo Dardanelli (Canterbury)
IDEOLOGY AND RATIONALITY: THE EUROPEANISATION OF THE SCOTTISH NATIONAL PARTY

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Europäisierung auf einen regionalen Akteur, namentlich die Schottische Nationalpartei (SNP). Der Autor analysiert die Reaktion der Partei auf den Beitritt Großbritanniens zur Europäischen Union und die Adaption ihrer Strategie zur Erlangung der schottischen Unabhängigkeit. Dazu werden zwei unterschiedliche Perioden - nämlich 1974-1979 und 1988-1997 - miteinander verglichen, in denen die Partei eine entscheidende Rolle in den Bestrebungen nach schottischer Unabhängigkeit spielte. Beide Perioden gipfelten in einem Referendum: Während die Einrichtung einer regionalen Volksvertretung 1979 abgelehnt wurde, wurde dieses Vorhaben 1997 unterstützt. In der Zeit zwischen den beiden Volksabstimmungen wandelte sich nicht nur die Haltung der SNP gegenüber der EU radikal, sondern die Partei änderte auch ihre Instrumentalisierung "Europas" im Kampf für die eigenen politischen Ziele. Während der ersten Periode nahm die SNP eine stark anti-europäische Haltung ein und stellte die Mitgliedschaft in der EU als ein zusätzliches Hindernis auf dem Weg zur schottischen Unabhängigkeit dar. Im Gegensatz dazu vertrat die SNP in der zweiten Periode eine pro-europäische Haltung und passte ihre Strategie an das nun modifizierte Ziel "Unabhängigkeit in Europa" an. Die Partei erfuhr im Zuge der Europäisierung einen Wandel von einer extrem europa-skeptischen zu einer Europa stark befürwortenden Partei. Der Beitrag setzte sich mit diesem Anpassungsprozess und seinen Konsequenzen für die schottische Unabhängigkeitspolitik auseinander. Der Autor argumentiert, dass die Reaktion der Partei auf die Europäisierung als komplexes Zusammenspiel zwischen ideologischer Überzeugung und strategischem Kalkül verstanden werden kann.


ÖZP 2003/3, 285-302     [INHALT]   [Englisch]

Martin Große Hüttmann (Tübingen) / Michèle Knodt (Mannheim)
"GELEGENTLICH DIE NOTBREMSE ZIEHEN...": Die deutschen Länder als politische Teilhaber und Ideengeber im europäischen Mehrebenensystem

Die Europäische Union als neue und immer wichtiger werdende Ebene des politischen Handelns stellt für die Mitgliedstaaten der EU in jeder Hinsicht eine Herausforderung dar; für die föderal strukturierten Staaten wie Deutschland gilt dies in besonderer Weise. Der vorliegende Beitrag soll zeigen, dass sich die Komplexität des europäischen Mehrebenensystems - in der Terminologie der Spieltheorie - als "nested games" beschreiben lässt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf einer Analyse der Rolle der Länder als Ideengeber im Rahmen der europäischen Reformprozesse - von der Regierungskonferenz 2000 bis zum europäischen Verfassungskonvent. Die gewonnenen Erkenntnisse entstammen eigenen empirischen Umfragen.
Der Beitrag beschäftigt sich dabei mit der Frage, wie die deutschen Länder seit Mitte der 1990er Jahre auf die objektiven oder subjektiven Einschränkungen ihres politischen Handlungsspielraumes durch die zunehmende "Europäisierung" reagiert haben. Die deutschen Länder verfolgen, so die zentrale These unseres Beitrages, eine "Strategie der Optionenmaximierung": Prinzipiell alle Ebenen und Kanäle im europäischen Mehrebenensystem werden genutzt, um die eigenen Interessen multilateral oder auch unilateral einzubringen und politischen Widerstand zu signalisieren. Der Schwerpunkt der Länderaktivitäten liegt dabei eindeutig auf den über den Bundesrat vermittelten innerstaatlichen Institutionen der Repräsentation. Ein vollständiges Bild der empirischen Breite der Länder-Aktivitäten ergibt sich aber erst, wenn man auch die europäischen und transnationalen Kanäle der regionalen Interessenvertretung in den Blick nimmt.


ÖZP 2003/3, 303-320    [INHALT]   [Englisch]

Alex Fischer (Lausanne)
DIE SCHWEIZER GEWERKSCHAFTEN UND DIE EUROPÄISIERUNG HELVETISCHER POLITIK

Dieser Beitrag untersucht mit einem einfachen spieltheoretischen Instrumentarium, wie sich die Europäisierung auf die strategischen Handlungsmöglichkeiten der Gewerkschaften in der Schweiz auswirkt. Dazu wird als Beispiel für die Europäisierung über einen Staatsvertrag das Personenverkehrs-Abkommen mit dem Entscheidungsprozess über die Entbündelung der letzten Meile verglichen, der als Beispiel für den "autonomen Nachvollzug" untersucht wird.
Bei der vertraglichen Europäisierung steht den Gewerkschaften in jedem Fall eine Referendumsmöglichkeit zur Verfügung. Sofern die Gewerkschaften sich als Vetospielerin präsentieren können, sind sie in der Lage, entweder die Ratifizierung zu verhindern oder Side-Payments zum Vertrag einzufordern. Insofern ist ihre Stellung im Vergleich zu einem rein nationalen Gesetzgebungsprozess nicht geschwächt - je nach Akteurs-Konstellation kann sie sogar gestärkt werden. Beim autonomen Nachvollzug steht diese Blockadedrohung hingegen nur dann zur Verfügung, wenn das EU-Recht über eine Gesetzesrevision implementiert werden soll. Weil die ausführenden Behörden in europäisierten Politikbereichen vielfach weit reichende Kompetenzen erhalten haben, kann jedoch der Vetopunkt des Referendums oft umgangen werden. Damit verlieren die Gewerkschaften ihre Rolle als Vetospielerin.


ÖZP 2003/3, 321-338    [INHALT]   [Englisch]

Frank Schimmelfennig (Mannheim) / Stefan Engert (Darmstadt) / Heiko Knobel (Darmstadt)
EUROPÄISIERUNG IN OSTEUROPA: REAKTIONEN AUF DIE DEMOKRATISCHE KONDITIONALITÄT

Mit ihrer Politik der demokratischen Konditionalität versucht die EU, die osteuropäischen Regierungen zur Übernahme liberaler Demokratie- und Menschenrechtsnormen zu bewegen. In einer vergleichenden Analyse Estlands, Lettlands, Jugoslawiens und der Slowakei erklären wir die unterschiedlichen Reaktionen der Regierungen auf diese Politik durch die Stärke der Resonanz dieser liberalen Normen und durch die Höhe der machtpolitischen Kosten ihrer Übernahme. Während jedoch die Normresonanz vornehmlich Einfluss auf das argumentative Verhalten der Regierungen hat, bestimmen die Machtkosten die praktische Regeleinhaltung.


ÖZP 2003/3, 339-354     [INHALT]   [Englisch]

Britta Meinke / Hubert Heinelt (Darmstadt)
UND DIE WIDERSPENSTIGEN WERDEN GEZÄHMT ... Zivilgesellschaftliche Interessenvermittlung - zwischen Erfolgen auf der EU-Ebene und Problemen "vor Ort" am Beispiel der FFH-Richtlinie

Der Artikel geht der Frage nach, warum zivilgesellschaftliche Akteure auf der EU-Ebene durchaus erfolgreich auf Entscheidungsprozesse Einfluss nehmen können, "vor Ort" lokale zivilgesellschaftliche Akteure aber marginalisiert werden, wenn sie auf eine regelungskonforme Umsetzung der entsprechenden Entscheidungen dringen. Die AutorInnen argumentieren, dass dafür (a) die Wahrnehmung von Policy-Wirkungen der fraglichen Regelungen, (b) der Status von Öffentlichkeit auf den unterschiedlichen Ebenen sowie (c) die institutionellen Strukturen des betreffenden Regelungsbereichs ("policy institutions") auf der "operativen Ebene" entscheidend sind. Dargelegt wird dies für die Entstehung der FFH-Richtlinie und ihrer Anwendung im Fall der Teilzuschüttung des "Mühlenberger Lochs" in Hamburg-Finkenwerder im Zusammenhang mit Ausbau der dortigen Airbus-Produktion.


 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft