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ÖZP 2003/4, 375-388 [INHALT] [Englisch]
Eva Kreisky (Wien) / Marion Löffler (Wien)
STAAT UND FAMILIE: IDEOLOGIE UND REALITÄT EINES VERHÄLTNISSES
Das Verhältnis von Familie und Staat ist als widersprüchlich
zu charakterisieren: Ideologisch dient das Symbolsystem Familie,
vorgestellt als "natürliche" Form sozialen Zusammenlebens,
als zentrale Legitimationsfigur für den (National-)Staat.
Aber Familie als reale Sozialform wird durch staatliches Handeln
konstituiert und stabilisiert.
Patriarchale Familienideologien werden zumeist in gesellschaftlichen
Krisenzeiten (re-)aktiviert, in denen Männer um ihre Vormacht-Stellung
bangen. Dementsprechend führte auch die Krise des Fordismus
zu ihrer Wiederbelebung. Vor diesem Hintergrund bildete sich
im Bereich der Familienpolitik eine scheinbar "unheilige"
Allianz zwischen (Neo-)Liberalismus und (Neo-)Konservativismus.
Unheilig deshalb, weil der (neo-)liberale Kult des Individuums
geradezu die Antithese zur (neo-)konservativen Verklärung
der (patriarchalen) Familie als Solidargemeinschaft darstellt.
Intention dieser Arbeit ist es aufzuzeigen, warum diese Verbindung
nicht so absurd ist, wie es scheint.
ÖZP 2003/4, 389-401 [INHALT] [Englisch]
Christina Bergqvist (Uppsala) / Anders Lindbom (Uppsala)
THE SWEDISH WELFARE STATE: NEO-LIBERAL CHALLENGE AND WELFARE
STATE RESILIENCE
Angesichts neo-liberaler Strömungen und schwerer wirtschaftlicher
Probleme während der frühen 1990er Jahre befürchteten
viele Beobachter, der schwedische Wohlfahrtsstaat würde
sein umfassendes und geschlechter-gerechtes Profil verlieren.
Dieser Beitrag argumentiert, dass die Veränderungen des
schwedischen Wohlfahrtsstaates in den 1990er Jahren inkrementell,
aber nicht fundamental waren. Tatsächlich wurden Kürzungen
und Änderungen vorgenommen, diese resultieren allerdings
nicht in einer radikalen Restrukturierung des Wohlfahrtsstaates.
Die zentralen Sozialleistungen wurden universalistischer, nicht
zuletzt dank des steigenden Anteils von Frauen am Arbeitsmarkt.
Auch die öffentliche Kinderbetreuung wurde eher ausgedehnt
denn eingeschränkt. Dies belegt, dass es nach wie vor Spielraum
für Politikdivergenz gibt. Selbst einer kleinen offenen
Wirtschaft mit dem höchsten Budgetdefizit innerhalb der
OECD in den 1990er Jahren war es möglich, das nationale
Budget wieder unter Kontrolle zu bringen, ohne den Wohlfahrtsstaat
abzubauen.
ÖZP 2003/4, 403-415 [INHALT] [Englisch]
Regina-Maria Dackweiler (Bielefeld) / Sieglinde Rosenberger
(Wien)
GESCHLECHT, KARRIERE UND POLITIK ALS BERUF: "Informelle"
Teilzeitarbeit von leitenden BeamtInnen mit politischem Mandat
Teilzeitarbeit ist diskursiv geschlechtlich konnotiert. Sie
gilt als reduzierte Arbeitsform für Frauen zur besseren
Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Arbeitsplätze hingegen,
die mit Geld, Macht, Karriere und Prestige versehen sind, gelten
als mit Teilzeitarbeit grundsätzlich unvereinbar. Anders
verläuft die Debatte, wenn Beruf und Beruf (Karriere) vereinbart
werden sollen, wie das Beispiel der öffentlich Bediensteten
mit parlamentarischem Mandat zeigt. Diese Gruppe arbeitet de
facto selbst in leitenden Positionen Teilzeit, allerdings wird
diese Arbeitszeitregelung weder als Teilzeit bezeichnet noch
öffentlich als solche wahrgenommen. Sie ist vielmehr eine
informelle Teilzeitarbeitsform, die im Kontext von Geld und nicht
im Kontext von Zeit diskutiert wird. An Hand der parlamentarischen
Reden zur Teilzeit im öffentlichen Dienst (1984) und zur
Regelung der Vereinbarkeit von politischem Mandat mit einer Tätigkeit
im öffentlichen Dienst (1983 und 1996) analysieren wir konträre
Argumentationslinien, die Thematisierung bzw. De-Thematisierung
von Geschlecht sowie deren Bedeutung für die diskursive
Herstellung von Geschlechterdifferenzen.
ÖZP 2003/4, 417-427 [INHALT] [Englisch]
Karin Liebhart (Wien) / Andrea Petõ (Budapest) /
Annemarie Schiffbänker (Wien) / Rumiana Stoilova (Sofia)
FAMILIENPOLITISCHE MASSNAHMEN IN ÖSTERREICH, BULGARIEN UND
UNGARN
Die Familienpolitik Österreichs, Bulgariens und Ungarns
orientiert sich vor dem Hintergrund unterschiedlicher sozioökonomischer
Rahmenbedingungen und politischer Kulturmuster an primär
auf die Familie als Einheit und nicht auf das Individuum ausgerichteten
Konzepten. Diese verweisen einzelne Familienmitglieder auf unterschiedliche
gesellschaftliche Positionen, tragen zu einer konservativen Restaurierung
der Rollen von Frauen und Männern bei und stabilisieren
traditionelle Geschlechterhierarchien. Soziale Sparmaßnahmen
und die Privatisierung von Dienstleistungen wirken in den Transformationsstaaten,
die zusätzlich mit den volkswirtschaftlichen und sozialen
Kosten des Systemwechsels konfrontiert sind, noch prekärer
als in Österreich. In keinem der drei Staaten sind jedoch
sozial- und familienpolitische Rahmenbedingungen für eine
Vereinbarkeit von Beruf und Familie in ausreichendem Ausmaß
gegeben. Unzureichende Versorgung mit öffentlichen Kinderbetreuungseinrichtungen
ist dabei ein wesentliches strukturelles Hindernis. Familialisierung
von Frauen, verbunden mit einer Idealisierung der Mutterrolle
und der privaten Kinderbetreuung, ist tendenziell die Folge.
Erfahrungen aus unterschiedlichen Staaten zeigen, dass nicht
die Höhe der Transferleistungen, sondern die Möglichkeit
eines eigenen Erwerbseinkommens für Frauen kombiniert mit
qualifizierter öffentlicher Kinderbetreuung sowie partnerschaftlich
orientierten Familienmodellen ausschlaggebend für höhere
Geburtenzahlen sind. Von Lösungsansätzen, wie sie etwa
skandinavische familien- und sozialpolitische Konzepte formulieren,
sind Österreich, Bulgarien und Ungarn weit entfernt.
ÖZP 2003/4, 429-441 [INHALT] [Englisch]
Sabine Lang (Berlin/Seattle) / Birgit Sauer (Wien)
"DORIS IHR'N MANN SEINE PARTEI." Die Reduktion von
Frauen- auf Familienpolitik im bundesdeutschen Wahlkampf 2002
Die Rhetorik im deutschen Bundestagswahlkampf 2002 wurde entscheidend
vom Schlagwort "Familie" geprägt, während
Frauen- und Gleichstellungspolitik eine nur marginale Rolle spielten.
Unsere Studie fragt nach den Ursachen der Engführung von
Frauen- auf Familienpolitik im Wahlkampf. Die Analyse programmatischer
Aussagen der fünf großen bundesdeutschen Parteien,
der Arbeit der Wahlkampfzentralen sowie der Presseberichterstattung
im Vorfeld der Wahlen zeigt, dass die Refamiliarisierung der
geschlechterpolitischen Debatte im Bundestagswahlkampf 2002 entscheidend
von den maskulin geprägten Wahlkampfstäben getragen
wurde. Ihr mangelndes geschlechterpolitisches Differenzierungsvermögen
sowie die Forderung nach Plakativität und medialer Dramatisierung
formten aus frauen- und familienpolitischen Themen ein Amalgam,
in dem Frauen vornehmlich als Mütter angerufen wurden und
Väter unsichtbar blieben. Gleichstellungspolitisch brisante
Themen wurden so nicht nur dethematisiert, sondern auch delegitimiert.
Die bundesdeutschen Medien be- und verstärkten durch ihren
routinisierten Indexierungshabitus die Dethematisierung von Frauenpolitik.
ÖZP 2003/4, 443-455 [INHALT] [Englisch]
Irene Marjam Tazi-Preve (Wien)
EINSTELLUNGEN DER ÖSTERREICHERINNEN ZU FAMILIE, FAMILIENPOLITIK
UND DEM GESCHLECHTERVERHÄLTNIS.
Forschungsergebnisse des "Population Policy Acceptance
Survey" (PPA)
Ausgangspunkt des Beitrages bildet die Darstellung des österreichischen
Forschungsprojektes "Population Policy Acceptance Survey"
(PPA II) zu bevölkerungswissenschaftlichen Themen. Im Jahr
2001 wurden rund 2.000 Personen im Alter zwischen 20 und 65 Jahren
zu ihrer Einstellung zu Familie, Familienpolitik und dem Geschlechterverhältnis
befragt. Die Ergebnisse zur Akzeptanz der sich verändernden
Lebensformen zeigen, dass die Ehe gleichbleibend hohe gesellschaftliche
Anerkennung erfährt. Gleichzeitig wird die Zunahme nichtehelicher
Lebensformen von einer steigenden Befürwortung seitens der
Bevölkerung begleitet. Die Ergebnisse verweisen weiters
darauf, dass die familiäre Arbeitsteilung in ihrem Kern
traditionell geblieben ist, und dass sich eine für Frauen
ungünstige Verteilung der Tätigkeiten im Haushalt negativ
auf den Kinderwunsch auswirkt. Obwohl Österreich explizit
keine pronatalistischen Ziele verfolgt, zielt der Ausbau familienpolitischer
Maßnahmen dennoch auf die Erhöhung der Geburtenrate
ab. Die Überprüfung dieses Zusammenhangs ergab jedoch
keinen empirischen Beleg dafür, dass eine Erhöhung
der Unterstützungsleistungen die Bereitschaft zur Geburt
eines (weiteren) Kindes entscheidend beeinflusst. Zudem zeigt
unsere Analyse, dass die Sensibilität von Frauen bezüglich
einer Ungleichbehandlung im Beruf sehr stark und das Vertrauen
in Frauenförderungsmaßnahmen hoch ist.
ÖZP 2003/4, 457-483 [INHALT] [Englisch]
Emo Gotsbachner (Wien)
NORMALISIERUNGSSTRATEGIEN IN DER RHETORIK DER FPÖ: Die politische
Alchemie, Kritik in Unterstützung zu verwandeln
In der Phase ihres Aufstiegs entwickelten die Freiheitlichen
unter Jörg Haider ein auffallendes Geschick, Kritik an ihren
fremdenfeindlichen Kampagnen und wiederholten rechtsradikalen
Ausritten nicht nur weitgehend unbeschadet zu überstehen,
sondern darüber hinaus sogar umzukehren und für die
eigene Profilierung zu nützen. Die rhetorische Immunisierung
erreichten sie mit Hilfe eines Komplexes von strategischen Diskurspraktiken,
welche sich um das von ihnen installierte Schlagwort ,Ausgrenzung'
organisierten: Aus dem Umstand, dass Bundeskanzler Vranitzky
eine Koalition mit Haider ausschloss, leiteten sie die Behauptung
ab, sie würden in undemokratischer Weise ,ausgegrenzt'.
Ich untersuche einerseits die Funktionsweise dieser Unterstellung,
andererseits Aspekte freiheitlicher Anstrengungen, den Begriff
im allgemeinen Sprachgebrauch zu etablieren, und beleuchte ihre
Beziehung zu anderen hegemonialpolitischen Taktiken, wie der
systematischen Diskreditierung kritischer Stimmen oder der Enteignung
und Umdeutung gegnerischer politischer Themen und Diskurselemente.
Diese beeinflussten in den 90er Jahren erfolgreich den Deutungsrahmen
öffentlicher Debatten und damit die Wahrnehmung politischer
Problemlagen in Österreich.
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