2004/2
Beiträge zu politischen Entscheidungsfindungsprozessen, Föderalismus, Regionalpolitik und zum Links-Rechts-Schema

 

ÖZP 2004/2, 127-136  [INHALT]   [Englisch]

Ute Behning (Bremen)
DIE "NEUE METHODE DER OFFENEN KOORDINIERUNG". Versuche der integrationstheoretischen Klassifizierung einer neuen Form des sozial-politischen Regierens in der Europäischen Union

Dieser Beitrag versucht, die "neue Methode der offenen Koordinierung" ("neue OMC") integrationstheoretisch zu klassifizieren. Geprüft wird, ob die "Ansätze zu einer Theorie des Regierens im europäischen Mehrebenensystem" und die davon abgeleiteten "Typen der Europäisierung" von Scharpf (2000; 2002), die Basis seiner Klassifizierungen der OMC sind, einer empirischen Überprüfung stand halten. Am Beispiel der Etablierung der "neuen OMC" im Politikfeld "Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung" wird gezeigt, warum Scharpf in seiner Klassifizierung der OMC von 2000 bis 2002 einen Einschätzungswechsel vorgenommen haben könnte. Dennoch kann festgestellt werden, dass die neuen Formen des sozialpolitischen Regierens in der EU von Scharpfs Typologie nicht hinlänglich erfassbar sind. In diesem Zusammenhang werden alternative Klassifizierungsmuster angeboten und Forschungsperspektiven aufgezeigt.


ÖZP 2004/2, 137-156    [INHALT]   [Englisch]

Peter Biegelbauer (Wien)
INTERESSENVERMITTLUNG UNTER DEN BEDINGUNGEN DER EUROPÄISCHEN INTEGRATION. Die Erstellung nationaler Positionen zum 5. Forschungsrahmenprogramm der EU in Österreich, den Niederlanden und Schweden

Der Beitrag analysiert die Politikfindungsprozesse, die zu den nationalen Positionen dreier Länder in den Aushandlungsprozessen um das 5. Rahmenprogramm für Forschung, technologische Entwicklung und Demonstration der EU führten. Das Forschungsinteresse richtet sich auf die Erklärung der Unterschiede in den Prozessen der Findung nationaler Positionen von Österreich, den Niederlanden und Schweden, im Zeitraum von 1995 bis 1998. Zur Untersuchung der Verschiedenheit der drei Prozesse werden vor allem folgende Faktoren herangezogen: die unterschiedlichen Strukturen der nationalen Innovationssysteme, die Form der Interessenvermittlung zwischen Staat und Wirtschaft, die sich in der nationalen und der EU-spezifischen Forschungs- und Technologiepolitik widerspiegelt, sowie der Zeitpunkt des EU-Beitritts der drei Länder. Schließlich werden die Politikprozesse in den drei Ländern auf eine mögliche Konvergenz oder Divergenz vor dem Hintergrund der EU-Integration überprüft.


ÖZP 2004/2, 157-174     [INHALT]   [Englisch]

Emmerich Tálos/Christian Stromberger (Wien)
VERHANDLUNGSDEMOKRATISCHE WILLENSBILDUNG UND KORPORATISTISCHE ENTSCHEIDUNGSFINDUNG AM ENDE? Einschneidende Veränderungen am Beispiel der Gestaltung des österreichischen Arbeitsrechtes

Als Resultat der Zusammenarbeit, Konzertierung und Akkordierung zwischen den jeweiligen Regierungen und den großen Dachverbänden der ArbeitgeberInnen und ArbeitnehmerInnen in Politikfeldern wie der Sozialpolitik (näherhin dem Arbeitsrecht) weisen die politischen Entscheidungsfindungsprozesse in Österreich über einen langen Zeitraum eine beträchtliche Kontinuität auf. Dies ist einer der Gründe dafür, dass Österreich in der einschlägigen sozialwissenschaftlichen Literatur als Repräsentant (neo)korporatistischer Interessenpolitik und der Verhandlungsdemokratie gilt. Unter Verwendung des von Tálos/Kittel modifizierten Ansatzes des akteurzentrierten Institutionalismus untersucht der vorliegende Beitrag am Themenbereich des Arbeitsrechtes, ob seit dem Antritt der bürgerlich-konservativen Regierungskoalition von ÖVP und FPÖ im Jahr 2000 Veränderungen des traditionellen Musters der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung eingetreten sind. Das Ergebnis der Analyse lautet, dass Österreichs Politik - ungeachtet formal-institutioneller Kontinuitäten - de facto den Wandel von einer korporatistischen Konkordanz- bzw. Verhandlungsdemokratie zu einer Konfliktdemokratie bereits vollzogen hat.


ÖZP 2004/2, 175-190     [INHALT]   [Englisch]

Markus Freitag (Berlin)/Adrian Vatter (Konstanz)
FÖDERALISMUS UND STAATLICHE VERSCHULDUNG. Ein makro-quantitativer Vergleich

Dieser Beitrag analysiert die Zusammenhänge zwischen dezentralen staatlichen Strukturen und dem Ausmaß an öffentlicher Verschuldung in den Schweizer Kantonen für die Periode zwischen 1984 und 2000. Aus theoretischer Warte lassen sich mit der föderalen Architektur sowohl erhöhende als auch dämpfende Effekte auf die staatliche Verschuldung verbinden. Einerseits können föderale Strukturen zu einer Dämpfung des Schuldenstandes führen, weil sowohl der inhärente Wettbewerb zwischen den Gliedstaaten als auch die Fülle subnationaler Vetopositionen zur Einschränkung der Staatstätigkeit führen. Andererseits kann der Föderalismus zur Ausdehnung der staatlichen Verschuldung beitragen, weil sowohl funktionale und organisatorische Doppelspurigkeiten als auch unkoordinierte und voneinander abweichende Handlungen einer Vielzahl von Akteuren kostenintensive und oftmals schuldenfinanzierte Kompromisslösungen einfordern. Die vorliegenden statistisch quantitativen Auswertungen zeigen, dass eine stärkere Dezentralisierung in den Schweizer Gliedstaaten eher zu einer Einschränkung der kantonalen Verschuldung führt.


ÖZP 2004/2, 191-208    [INHALT]   [Englisch]

Martin Heintel (Wien)
REGIONALPOLITIK IN ÖSTERREICH. Retrospektive und Perspektive

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit früheren und gegenwärtigen Strategien der österreichischen Regionalpolitik. Der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union und die Erweiterung dieser hat nicht nur zu vielfältigen Veränderungen regionalpolitischer Strategien beigetragen, sondern bedarf auch weiterhin einiger Anpassungen v.a. im Kontext grenzüberschreitender Entwicklungsmaßnahmen.
Regionen in einem globalisierten Wettbewerb haben traditionelle Gebietseinheiten und die Möglichkeiten der hoheitlichen territorialen Verwaltungsstrukturen längst gesprengt. Regionalentwicklung als eine Summe von europäischer, nationaler und regionaler (lokaler) Politik bedarf eines Zusammenspiels und einer Koordination der dargestellten unterschiedlichen Politikbereiche - sowohl auf regionaler als auch administrativer Ebene - um Effizienz und Qualität zu sichern. Netzwerken und Kooperationsverbünden kommt dabei eine besondere Rolle zu. Aus diesem Grund kam es v.a. in den letzten 15 Jahren zu einer verstärkten Institutionalisierung auf regionaler Ebene.
In die Zukunft geblickt kommt dem Bereich der Internationalisierung räumlicher Politik noch verstärkter als bisher große Bedeutung zu. Wettbewerbe, Partnerschaften, transnationale Programme, europäische Planungsgrundlagen und die stete Zunahme von Verflechtungskontexten auf räumlicher Ebene sind dafür ausschlaggebend.


ÖZP 2004/2, 209-226    [INHALT]   [Englisch]

Jan A. Fuhse (Stuttgart)
LINKS ODER RECHTS ODER GANZ WOANDERS? Zur Konstruktion der politischen Landschaft

Politische Akteure verorten sich seit der französischen Revolution mit Hilfe der Unterscheidung zwischen "links" und "rechts". Allerdings platzieren sie sich zunehmend in der "Mitte" oder gleich "jenseits von links und rechts". Sind die beiden Kategorien damit überflüssig geworden? Oder behindern sie sogar eine neue Sicht auf die politische Landschaft? Der Beitrag diskutiert zunächst die Funktion des Links-Rechts-Schemas als Orientierungshilfe für politische Akteure und Wähler. Anschließend wird die inhaltliche Aussagekraft des Schemas ausgelotet und mit anderen Kategorisierungen verglichen: der dreipoligen Typologie der Cultural Theory und dem zweidimensionalen Modell von Herbert Kitschelt. Abschließend wird eine Netzwerktheorie des Parteiensystems skizziert, in der die politische Landschaft als symbolische Matrix der Identitätskonstruktion und Abgrenzung von Parteien fungiert. Das Links-Rechts-Schema reduziert diese politische Landschaft auf eine einzige Dimension und leistet damit eine wichtige Übersetzung politischer Positionen in die Logik des politischen Systems mit dem Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition. Bei dieser Reduktion werden aber auch wichtige inhaltliche Unterschiede ausgeblendet.


ÖZP 2004/2, 227-232     [INHALT]

Eva G. Heidbreder (Wien) / Stephan D. Hofer (München)
NEUE IMPULSE FÜR DIE POLITIKWISSENSCHAFT IN ÖSTERREICH. Erfolgreiche Graduiertenkonferenz bietet Anstoß für weitere Initiativen

Was ist die Zukunft der Politikwissenschaft in Österreich? Welche Position haben Graduierte und DoktorandInnen in den bestehenden Strukturen? Wo bestehen inhaltliche und methodische Mankos? Und wie kann nachwuchswissenschaftliches Potential besser eingebunden sowie gefördert werden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt von powi04, der ersten österreichischen Graduiertenkonferenz für die Politikwissenschaft, die vom 13. bis 15. Mai 2004 in Wien stattfand. Ziel der Konferenz war es einerseits, die wissenschaftliche Vernetzung und den akademischen Austausch zu fördern und andererseits, allgemeine Probleme für DissertantInnen und NachwuchswissenschafterInnen anzusprechen, um mögliche Verbesserungen anzustoßen. Mit über 100 TeilnehmerInnen waren sowohl die öffentlichen Podiumsveranstaltungen als auch die intensive wissenschaftliche Arbeit zu verschiedenen thematischen Schwerpunkten ein voller Erfolg. Neben einigen Eindrücken zum Ablauf der Konferenz, soll im Folgenden darauf eingegangen werden, welche Punkte sich in den Debatten um eine stärkere Einbindung junger WissenschafterInnen im Stadium der Dissertation herauskristallisiert haben - in der Hoffnung, dass die powi04 tatsächlich ein erster Schritt für weitere Initiativen zur Erweiterung der österreichischen Wissenschaftslandschaft war.


ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft