2004/3
Aufstieg und Fall der FPÖ - Zwischen europäischem Trend und österreichischem Sonderweg

 

ÖZP 2004/3, 247-262 [INHALT]   [Englisch]  [VOLLTEXT]

Reinhard Heinisch (Pittsburgh)
DIE FPÖ - EIN PHÄNOMEN IM INTERNATIONALEN VERGLEICH. Erfolg und Misserfolg des Identitären Rechtspopulismus

Der Aufsatz versteht sich als Bestandsaufnahme der verzweigten Rechtspopulismusforschung. Konkret soll hier versucht werden, die Entwicklung der Haider-FPÖ als integraler Teil des neuen europäischen Rechtspopulismus zu beschreiben, dessen politische Stärken und Schwächen sich weitgehend aus den spezifischen strukturellen Eigenschaften dieses Phänomens ergeben. Nach einer eingehenden Analyse der Konvergenz rechtspopulitischer Strömungen in Richtung identitärer Programmatik wird besonders das Scheitern der Rechtspopulisten in der Regierungsverantwortung beleuchtet. Hierbei steht vor allem das strukturelle "Mismatch" zwischen den typischen Charakteristiken dieser Bewegungen und den besonderen Anforderungen an eine Regierungspartei unter Koalitionsbedingungen im Vordergrund.


ÖZP 2004/3, 263-280    [INHALT]   [Englisch]

Ruth Picker (Wien) / Brigitte Salfinger (Wien) / Eva Zeglovits (Wien)
AUFSTIEG UND FALL DER FPÖ AUS DER PERSPEKTIVE DER EMPIRISCHEN WAHLFORSCHUNG: Eine Langzeitanalyse (1986-2004)

Der Aufstieg der FPÖ in den 1980er und 1990er Jahren gelang ihr als Oppositionspartei während der Zeit der großen Koalition. Sie gewann ihre Stimmen im gleichen Ausmaß von SPÖ und ÖVP. Während die ÖVP vorwiegend Ende der 1980er Jahre "zur Ader gelassen" wurde, kam die Zeit der starken SPÖ-Verluste in den 1990er Jahren. Der Abstieg der FPÖ begann unmittelbar nach ihrem Eintritt in die Bundesregierung bei verschiedenen Landtagswahlen in den Jahren 2000 bis 2004 - nur die Landtagswahl in Kärnten bildet hier eine Ausnahme. Bei der Nationalratswahl 2002 erfolgte der größte Wählerstrom in der österreichischen Wahlgeschichte von der FPÖ zur ÖVP. Am Tag der Nationalratswahl spiegelten sich in den Wahlmotiven dieser WählerInnen vor allem die Enttäuschung über die FPÖ sowie die Zufriedenheit mit der Regierungsarbeit des Kabinetts Schüssel I wider. Die FPÖ-ÖVP-Abwanderer teilen mit den anderen ÖVP-WählerInnen eine ähnliche Selbsteinstufung in der "Mitte" des politischen Links-Rechts-Kontinuums sowie eine distanzierte Haltung gegenüber der Gewerkschaft. Obwohl die größten SkeptikerInnen gegenüber AusländerInnen und JüdInnen nach wie vor die FPÖ wählen, so haben die FPÖ-ÖVP-Abwanderer dennoch eine ablehnendere Haltung gegenüber diesen beiden Gruppen als die übrigen ÖVP-WählerInnen. Ein wichtiges Ergebnis der Analyse ist, dass die Links-Rechts-Selbsteinstufung sowie die Nähe zu verschiedenen Weltanschauungen in den letzten Jahren teilweise starken Veränderungen unterlegen sind. Der Regierungswechsel und andere politische Entwicklungen scheinen in diesem Zusammenhang zu einer Bedeutungsverschiebung zentraler politischer Begriffe geführt zu haben.


ÖZP 2004/3, 281-296     [INHALT]   [Englisch]

Susanne Frölich-Steffen (München)
DIE IDENTITÄTSPOLITIK DER FPÖ: Vom Deutschnationalismus zum Österreich-Patriotismus

In den Neunzigerjahren gelang es der FPÖ ihren Stimmenanteil bei Parlamentswahlen kontinuierlich zu verbessern. Der Aufstieg der Partei wurde häufig mit dem charismatischen Auftreten des neuen Parteivorsitzenden Jörg Haider erklärt. Auch die Ermüdung der WählerInnen durch die jahrzehntelange Konkordanz, das damit einhergehende Protestpotenzial bei der Bevölkerung und eine steigende Wählervolatilität dienten als Erklärung für den raschen Aufschwung der Freiheitlichen. Bislang kaum diskutiert wurde die veränderte Identitätspolitik der FPÖ seit den frühen Neunzigerjahren. Der ehemals in der Partei vorherrschende Deutschnationalismus wurde seither zur parteiinternen Subkultur und erst durch die Hinwendung zum "Österreichpatriotismus" wurde die FPÖ für breitere Bevölkerungsschichten wählbar. Zur gleichen Zeit setzten ÖVP und SPÖ in ihrer Identitätspolitik neue Akzente. Dadurch überließen sie klassische Bereiche des Nationalbewusstseins und Nationalstolzes den Freiheitlichen, die sich seither als "die wahre österreichpatriotische Partei" bezeichneten. Im vorliegenden Beitrag werden nach einer Einführung in die theoretische Debatte über Eigenheiten und Erfolgsfaktoren rechtspopulistischer Parteien überblicksartig die Besonderheiten der österreichischen Identität charakterisiert. Darauf aufbauend wird die Identitätspolitik der Freiheitlichen zwischen 1956 und heute beschrieben und dahingehend untersucht, ob und inwieweit das veränderte Nationsverständnis der FPÖ und die neue Identitätspolitik von ÖVP und SPÖ die Wahlerfolge der Freiheitlichen mitbestimmten. Abschließend wird der Versuch unternommen, die Wahlniederlage der FPÖ im Jahr 2002 anhand der vorab skizzierten Ergebnisse zu erklären.


ÖZP 2004/3, 297-308     [INHALT]   [Englisch]

Anthony Murphy (Bradford)
THE RISE OF THE AUSTRIAN FREEDOM PARTY IN THE 1990S: A Culturalist Approach

Der Beitrag gibt einen Überblick über unterschiedliche wissenschaftliche Erklärungsansätze zum bemerkenswerten Aufstieg der FPÖ Jörg Haiders in den 1990er Jahren. Daran anschließend werden einige kulturelle und historische Aspekte, die von anderen Ansätzen nicht beachtet wurden, welche aber einen wesentlichen politischen Hintergrund für Haiders Erfolg bildeten, beleuchtet. Es wird argumentiert, dass die FPÖ eine ausgesprochen erfolgreiche Strategie verfolgte, indem sie ein auf traditionellen und antimodernen Werten basierendes österreichisches Identitätskonzept (re-)konstruierte. Besonders deutlich wurde dies im aggressiven "Kulturkampf", den die FPÖ gegen KünstlerInnen und Personen des kulturellen Lebens Mitte der neunziger Jahre führte. Haiders Version des rechten Populismus erwies sich deswegen als besonders erfolgreich, weil sie einen in der österreichischen Gesellschaft nach 1945 stark verankerten Parochialismus politisch zu instrumentalisieren vermochte..


ÖZP 2004/3, 309-326    [INHALT]   [Englisch]

Wolfgang C. Müller (Mannheim) / Marcelo Jenny (Mannheim)
"BUSINESS AS USUAL" MIT GETAUSCHTEN ROLLEN ODER KONFLIKT- STATT KONSENSDEMOKRATIE? Parlamentarische Beziehungen unter der ÖVP-FPÖ-Koalition

Der Wechsel von der SPÖ-ÖVP-Koalition zur ÖVP-FPÖ-Koalition brachte die FPÖ in die Regierung, die SPÖ in die Opposition und die ÖVP in die Position der größeren Regierungspartei. Handelt es sich dabei um einen in der Demokratie üblichen Rollentausch einzelner Parteien oder um einen grundlegenden Systemwandel von der Konsensdemokratie vergangener Perioden hin zu einer Konflikt- oder Mehrheitsdemokratie? Diese beiden Thesen sind keine strikten Alternativen, da ein Rollenwechsel objektiv stattgefunden hat. Sie werden auf Basis objektiver (Abstimmungsverhalten) und subjektiver (Abgeordnetenbefragung) Daten überprüft. Das Ausmaß an politischem Konsens, gemessen an der parlamentarischen Zustimmung zu Gesetzen, ist unter der ÖVP-FPÖ-Koalition auf einen neuen Tiefststand gesunken, was die These vom Systemwandel stützt. Allerdings wird unter der ÖVP-FPÖ-Regierung ein Trend fortgesetzt, der bereits seit Anfang der 1990er Jahre existiert. Die Einschätzungen der Abgeordneten über Veränderungen im Verhältnis zwischen Regierung und Opposition seit dem Koalitionswechsel bestätigen sowohl die Rollentausch- als auch die Systemwandel-These.


ÖZP 2004/3, 327-340    [INHALT]   [Englisch]

Christoph Bärenreuter (Wien) / Stephan D. Hofer (München) / Andreas J. Obermaier (Bremen)
ZUR AUSSENWAHRNEHMUNG DER FPÖ: Der Mediendiskurs in Frankreich, Israel und Schweden über die Nationalratswahlen und die Regierungsbildungen in den Jahren 1999/2000 und 2002/2003

Die Erfolge der FPÖ bei den Nationalratswahlen im Jahr 1999 und ihre anschließende Regierungsbeteiligung haben nicht nur in Österreich sondern auch international zu heftigen Reaktionen und Debatten geführt. Ein Element vieler dieser Debatten waren Bewertungen der FPÖ und ihres damaligen Vorsitzenden Jörg Haider sowie Versuche, Erklärungen für die Erfolge derselben zu finden. Der vorliegende Artikel analysiert und vergleicht mit Methoden der Kritischen Diskursanalyse die Mediendiskurse zu diesen Themen in Israel, Frankreich und Schweden. Darüber hinaus wird untersucht, ob bzw. wie sich die Verluste der FPÖ bei den NR-Wahlen im Jahr 2002 auf die Darstellung der FPÖ bzw. von Jörg Haider auswirkten und welche Veränderungen zum Untersuchungszeitraum 1999/2000 feststellbar waren. Einerseits divergieren die Wahrnehmungen über die FPÖ in den jeweiligen Ländern, andererseits lassen sich Gemeinsamkeiten feststellen, wie die Fokussierung der Berichterstattung auf Jörg Haider und Erklärungsversuche seiner Erfolge durch die österreichische Vergangenheitspolitik. Es zeigt sich, dass Unterschiede in den historischen und politischen Narrativen sowie den innenpolitischen Gegebenheiten in den untersuchten Ländern sich in den Diskursen zu Jörg Haider und der FPÖ widerspiegeln.


ÖZP 2004/3, 341-352     [INHALT]   [Englisch]

Norbert Kersting (Marburg)
BRIEFWAHL IM INTERNATIONALEN VERGLEICH

Zunehmende politische Apathie und Desinteresse hat auch zu sinkender Wahlbeteiligung geführt. Wahlrechtsreformen versuchen diesen Abwärtstrend zu mildern. Eine neue Wahlinfrastruktur wird insbesondere auf lokaler Ebene getestet, die zum Teil eine Laborfunktion besitzt. Online- Wahlen und andere Formen des Electronic voting sind dabei eher die High-Tech- Varianten. Neben diesen Instrumenten ist die Briefwahl erneut in den Vordergrund gerückt, die in bezug auf die Wahlrechtsgrundsätze wie Geheimhaltung und Gleichheit des Wählervotums ähnliche Probleme aufwirft. In einigen Ländern hat die Briefwahl eine lange Tradition als Alternative zur Präsenzwahl, andere haben erfolgreich universelle Briefwahlen getestet und andere setzen sie gar nicht oder nur auf bestimmte Gruppen begrenzt ein. Die nationalen Regelungen sowie Strategien werden aufgezeigt, wobei in den sechs ausgewählten Ländern einen hohe Pfadabhängigkeit deutlich wird, die auch die zukünftigen Entwicklungen prägen wird.


ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft