2004/4
Liberale Grundrechte im Zeitalter der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien

 

ÖZP 2004/4, 367-378 [INHALT]   [Englisch]

Markus M. Müller (Stuttgart) / Gary S. Schaal (Stuttgart)
ABWEHRRECHTE IM CYBERSPACE. RECHTSSTAATLICHER AUSVERKAUF ODER KONTEXTBEDINGTE ADAPTION?

Nach herkömmlicher Auffassung bedeuten die technologischen Entwicklungen des Cyberspace eine besondere Gefahr für die Gewährleistung bürgerlicher Freiheitsrechte. Der indiskrete Blick in und auf das Privatleben der BürgerInnen wird durch neu erschlossene Überwachungsmöglichkeiten im Rahmen eines dafür geeigneten, erweiterten Kommunikationsumfeldes erleichtert. Dabei ist der Blick in die Ideengeschichte für die Beurteilung des genannten Zusammenhangs instruktiv. Es wird hier argumentiert, dass Freiheitsrechte weder unabhängig vom jeweiligen Staatsverständnis noch von den ihnen zugewiesenen "Funktionen" begriffen werden können. Lockes Konzept der "Freiheit in der Gesellschaft" und Jellineks "Freiheit vom Staat" werden exemplarisch einander gegenüber gestellt. Die Nutzung beider Ansätze zur Analyse des genannten Zusammenhangs von Freiheitsrechten und Cyberspace erbringt keinen zwingenden Schluss, dass Freiheitsrechte substantiell einer neuen Gefährdung ausgesetzt werden.


ÖZP 2004/4, 379-400    [INHALT]   [Englisch]

Katharina Sophie Rürup (Berlin)
BIG BROTHER'S GESCHÄFTSPARTNER: Privatheit und Überwachung in den USA nach dem 11. September 2001

Big Brother's Geschäftspartner: Privatheit und Überwachung in den USA nach dem 11. September 2001 379-400
Im Gefolge der Anschläge vom 11. September 2001 zeichnen sich neue Gefährdungen von Privatheit in den USA ab. Um diese besser zu begreifen wird der (rechtshistorische) Hintergrund amerikanischer Konzepte von "Privacy" (Privatheit, Privatsphäre) erläutert. Zu diesem Zweck rekonstruiert der Artikel zunächst Konzepte von Privacy in der amerikanischen Verfassungsrechtsprechung und skizziert die vorhandene amerikanische Privacy-Gesetzgebung. Im Anschluss werden die rechtlichen Entwicklungen nach dem 11. September (vor allem im USA PATRIOT Act) geschildert und dabei der Themenkomplex der Datenüberwachung und -auswertung herausgegriffen, um die Auswirkungen auf den Schutz der Privatsphäre sowie die Schwierigkeiten, die sich aus der spezifisch amerikanischen rechtlichen Tradition in diesem Bereich ergeben, zu erläutern. Abschließend werden verschiedene Ansätze diskutiert, mit der neuen Qualität von Datenüberwachung in den USA umzugehen und die Möglichkeit eines positiven Rechtes auf Privatheit besprochen.


ÖZP 2004/4, 401-408     [INHALT]   [Englisch]

Nils Leopold (Kiel)
VIDEOÜBERWACHUNG UND BÜRGERRECHTE. Ende der Freiheit in den europäischen Innenstädten?

Die Videoüberwachung des öffentlichen Raums breitet sich in nahezu ganz Europa scheinbar unaufhaltsam weiter aus. Die Kamera wird damit zunehmend zu einem Zeichen sozialen Wandels. Als Technologie, der per se die Fähigkeit zur Erzeugung von Sicherheit zugeschrieben wird, ist sie zu einem Symbol einer überschießenden Nachfrage nach Sicherheit geworden, die sich mit ihrer Hilfe gerade nicht befriedigen lässt. Diese Entwicklung stellt, so die These dieses Beitrages, nicht nur einen weitreichenden Eingriff in die Bürger- und Menschenrechte der Betroffenen dar. Sie beschädigt darüber hinaus die Integrationskraft und damit eine der zentralen Entwicklungs- und Leistungsvoraussetzungen moderner demokratischer Rechtsstaaten.


ÖZP 2004/4, 409-422     [INHALT]   [Englisch]

Dirk Günnewig (Dortmund)
ARCHITECTURE IS POLICY! Politische Steuerung durch Technik in digitalen Informations- und Kommunikationsnetzwerken am Beispiel des Einsatzes von Digital Rights Management-Systemen

Gemäß einem umfassenden Verständnis bestehen Digital Rights Management-Systeme aus drei interdependenten Komponenten: technologische, rechtliche und wirtschaftliche Bestandteile. Aus ihrer Integration in eine soziale Umgebung resultieren vielfältige Interessenkonflikte, die die Steuerung der DRM-Systeme durch das Recht begleiten. Dieser Artikel untersucht aus policy-analytischer Perspektive eine neue Steuerungsstrategie für DRM-Systeme und damit auch für digitale Inhalte. Die konkreten Interessenkonflikte um den Einsatz von DRM-Systemen werden nicht adressiert, um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen. Der Artikel befasst sich jedoch mit den Effekten der vorgestellten Steuerungsstrategie auf politische Entscheidungsfindungsprozesse und der Implementation der Strategie in die politische Realität. Das zentrale Ziel dieses Artikels ist es, dem/der LeserIn einen Überblick über diese neue Form politischer Steuerung von digitalen Inhalten zu geben.


ÖZP 2004/4, 423-436    [INHALT]   [Englisch]

Doris Allhutter (Wien)
"ILLEGALE UND SCHÄDIGENDE INTERNETINHALTE": Pornografie und Grundrechte im Policy Framing der Europäischen Union

Der Beitrag beschäftigt sich mit einem der gewinnbringendsten Zweige der Internetbranche, der Mainstream-Internetpornografie und ihren Rahmenbedingungen im Kontext der Politik der Europäischen Union zu illegalen und schädigenden Internetinhalten. Basierend auf dem Framing-Ansatz wird der Politikprozess zum "Mehrjährigen Aktionsplan zur sichereren Nutzung des Internets" aus grundrechtlicher und feministischer Perspektive untersucht. Dabei wird das Policy Framing der beteiligten EU-AkteurInnen insbesondere hinsichtlich geschlechtersensibler Herangehensweisen und den ihnen zugrunde liegenden theoretischen Zugängen analysiert. Die dominanten Policy Frames der AkteurInnen werden aus unterschiedlichen Schwerpunkten in der Zielsetzung und Definition illegaler und schädigender Internetinhalte und deren grundrechtlichen Implikationen sowie der strategischen Positionierung der AkteurInnen zwischen "möglichen Grundrechtseingriffen" oder der "Betonung liberaler Abwehrrechte" abgeleitet.


ÖZP 2004/4, 437-454    [INHALT]   [Englisch]

Andreas Umland (Oxford, UK)
KULTURHEGEMONIALE STRATEGIEN DER RUSSISCHEN EXTREMEN RECHTEN. Die Verbindung von faschistischer Ideologie und metapolitischer Taktik im "Neoeurasismus" des Aleksandr Dugin

Während die westeuropäische "Neue Rechte" bei ihrem Versuch, die kulturelle Hegemonie im EU-Raum zu erlangen, bisher nur mäßige Erfolge erzielt hat, ist es während des vergangenen Jahrzehnts einer ähnlichen russischen Bewegung unter ihrem intellektuellen Führer Aleksandr Dugin gelungen, mittels "politischer Mimikry" tief in den Diskurs des politischen und akademischen Mainstreams der Rußländischen Föderation einzudringen. Dabei dient der Begriff "Eurasismus" als Deckmantel für ein abstruses antiliberales, insbesondere antiamerikanisches Theoriengebäude, welches Grundzüge einer faschistischen Ideologie trägt. Seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts hat es Dugin vermocht, führende Vertreter der russischen Zivilgesellschaft, Massenmedien, Sozialwissenschaften, Politik und Ministerialbürokratie für seine Ideen zu interessieren und an seine Organisation zu binden.


ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft