2006/3
Kulturpolitik und Demokratie

 

ÖZP 2006/3, 225-236  [INHALT]   [Englisch]

Anton Pelinka (Wien/Budapest)
DIE POLITIK DER POLITISCHEN KULTUR

Der Beitrag geht von einem Verständnis von Politischer Kultur aus, das im Wesentlichen von Almond, Verba und Powell bestimmt wird. Dabei wird die Existenz von Subkulturen territorialer und nicht-territorialer Art ebenso hervorgekehrt wie die Bedeutung von Konfliktlinien ("cleavages") für die Entwicklung politischer Identitäten. Die Aspekte des Fehlens einer umfassenden Politischen Kultur Europas (bzw. der Europäischen Union) werden beschrieben. Auf Österreich eingehend, arbeitet der Artikel die Elemente des Wandels der Merkmale heraus, die lange Zeit hindurch als spezifische Eigenschaften der Politischen Kultur Österreichs gegolten haben. Die abnehmende Bedeutung der Subkulturen steht für eine Transformation der politischen Sozialisation und für einen Rückgang traditioneller politischer Loyalitäten. Dabei wird auch die Rolle der österreichischen Kulturpolitik und der kulturellen Hegemonie diskutiert.


ÖZP 2006/3, 237-254    [INHALT]   [Englisch]

Monika De Frantz (London/Florenz)
KULTURPOLITIK IM WANDEL: Hauptstadtsymbolik in Wien und Berlin

Angesichts zunehmenden Standortwettbewerbs bedient sich die Stadtpolitik kultureller Großprojekte als symbolische Strategien zur wirtschaftlichen Entwicklung und WählerInnenmobilisierung. Aber diese multiple Symbolik trägt nicht immer erfolgreich zur Bündelung gegensätzlicher Interessen in einer gemeinsamen Wachstumsstrategie bei. Die Mobilisierung tiefgreifender Identifikationen mit Stadtkultur kann auch unterschwellige sozio-kulturelle Konflikte berühren, verstärken, und politisch eskalieren. Die lange Entscheidungsfindung über den Bau des Museumsquartiers in Wien und den gegenwärtigen Abriss des Palasts der Republik auf dem Schlossplatz in Berlin sind Beispiele für solche kulturpolitische Kontroversen. Anstatt der geplanten Neudefinition eines kohärenten städtischen Leitbilds wurde Haupstadtkultur zur politischen Arena symbolischer Konflikte über Globalisierung und nationale Identität. Die spezifischen institutionellen Rahmenbedingungen in Wien und Berlin bedingten jeweils unterschiedliche kulturpolitische Reaktionen auf diese Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft. Beide Kulturprojekte stellen gegensätzliche Beispiele eines selbstreflexiven Institutionenwandels ‚von unten‘ dar. Kulturpolitik ist nicht mehr nur ein Politikfeld obrigkeitsstaatlicher Machtausübung oder ein Produkt wirtschaftlicher Globalisierung, sondern - im Sinne des angloamerikanischen Begriffs ‚cultural politics‘ - ein plurales Interaktionsfeld gesellschaftlicher Interessen und Identitäten. In der Pluralisierung der Hauptstadtsymbolik spiegelt sich nicht nur der Wandel der staatlichen Kulturpolitik, sondern auch die Öffnung des Begriffes Politik an sich und seiner Institutionalisierung im Staat für neue politische Handlungsmöglichkeiten und Räume politischer Öffentlichkeit.


ÖZP 2006/3, 255-274     [INHALT]   [Englisch]

Tasos Zembylas (Wien)
"GOOD GOVERNANCE" UND DIE ÖSTERREICHISCHE KULTURFÖRDERUNGSVERWALTUNG. Ist-Analyse und Visionen über eine andere Verwaltungskultur

Kulturschaffende haben laut Kunstförderungsgesetz (§ 4 (4)) keinen Anspruch auf eine Förderung; sie haben jedoch einen Rechtsanspruch auf eine sachliche und effiziente Behandlung ihres Ansuchens. Vorliegender Artikel thematisiert die formale Qualität des Kunstförderungsverfahrens. Die Forderung nach "Good Governance" wird durch drei Kriterien konkretisiert: Es geht um die aktiveInformationspolitik seitens der Kulturverwaltung (Beratung im Vorfeld eines Ansuchens, Informationen über den Bearbeitungsstand, Weitergabe von Entscheidungsgründen), die sozialeErreichbarkeit der KulturbeamtInnen (Hilfsbereitschaft, Kontaktvermittlung zum Fachbeirat) sowie die Verfahrenseffizienz (rasche Bearbeitungsdauer, klare Abwicklungsmodi). Die theoretische Reflexion wird durch Einsichten aus einer empirischen Studie zur aktuellen Förderungspraxis der Kulturverwaltung auf Bundesebene gestützt.


ÖZP 2006/3, 275-286    [INHALT]   [Englisch]

Elisabeth Mayerhofer (Wien)
UNGENÜTZTE CHANCEN: Gender Mainstreaming im Kunstbereich

Der Frauenanteil in österreichischen Kunst- und Kulturarbeitsmärkten ist im Sinken begriffen. Waren Frauen noch in den 1980er und 1990er Jahren dort leicht überrepräsentiert (d.h. mit mehr als 50 Prozent), mit stets steigender Tendenz, so hat sich das Bild um die Jahrtausendwende verändert: Frauen sind im Gegensatz zum übrigen Arbeitsmarkt nun wieder unterrepräsentiert. Der Grund dafür liegt weniger darin, dass Frauen in Kunst und Kultur häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen sind, sondern vielmehr darin, dass sie in atypische Arbeitsverhältnisse gedrängt und damit statistisch unsichtbar werden. Wie in anderen Segmenten des Arbeitsmarktes befinden sich auch im Kunst- und Kulturbereich Frauen häufiger als Männer in prekären Verhältnissen; Auslagerungen verstärken hier noch die in allen Bereichen stattfindende Umstrukturierung der Arbeitsmärkte.

Aktuelle empirische Studien zeigen, dass auch neue beschäftigungspolitische Hoffnungsfelder wie z.B. die "Creative Industries" keine besseren Arbeitsbedingungen bieten - im Gegenteil: Auch hier finden sich Frauen in den einkommensschwachen Bereichen wieder, auch hier spaltet die vertikale Segregation weibliche und männliche Berufskarrieren. Dazu wird die Prekarität zur Regel, ja im (kultur- und wirtschafts-)politischen Diskurs wird sie sogar zum Merkmal innovativer Sektoren stilisiert und ins Positive gewendet.

Vor diesem Hintergrund wird dieser Beitrag der Frage nachgehen, inwiefern sich politische Konzepte - gezielte Frauenförderung bzw. Gender Mainstreaming - im Kunst- und Kulturbereich ausgewirkt haben und ob die daraus abgeleiteten Maßnahmen für diesen spezifischen Bereich überhaupt geeignet sind oder nicht.


ÖZP 2006/3, 287-310     [INHALT]   [Englisch]    [Volltext]

Michael Wimmer (Wien)
KONSERVATIVE KULTURPOLITIK SEIT 2000: Eine Radikalisierung aus dem Geist der austriakischen Restauration

Der österreichischen Nation wird ungebrochen ein hohes Maß an "Kulturstaatlichkeit" zugesprochen. Umso erstaunlicher ist es, dass die österreichische Politikwissenschaft traditionell von einem spezifischen Desinteresse an Kulturpolitik geprägt ist. So existiert bislang keine fundierte Strukturierung und Analyse dieses Politikfeldes. Folglich dominieren bislang Fragen des kulturellen Managements über die Beschäftigung mit den politischen Implikationen kulturpolitischer Entscheidungsfindung.

Dass diese bis heute von nicht unwesentlicher parteipolitischer Bedeutung sind, zeigt die Fähigkeit der ÖVP als dominierende Regierungspartei seit 2000, kulturpolitisch an eine konservative Grundströmung anzuknüpfen. Diese besteht vor allem darin, österreichische Kultur als glanzvolle staatliche Repräsentation vorrangig mit Leistungen der Vergangenheit zu identifizieren, während eine kritische, auf zeitgenössische Kunstproduktion setzende Öffentlichkeit als Querulantentum abgewertet werden kann. Allesamt gute Voraussetzungen, um einen umfassenden konservativen Machtanspruch mit den überreichlich vorhandenen kultur-imperialen Versatzstücken der ausgehenden Monarchie auf scheinbar immer wieder neue Weise zu untermauern und so die Attraktivität des kulturellen Erbes für die eigenen politischen Zwecke zu nutzen.


ÖZP 2006/3, 311-318     [INHALT]   [Englisch]

Ulrike Kozeluh (Wien)
TAGUNGSBERICHT: "Demokratisierung und Entdemokratisierung in Europa?"

Ausgehend von der Problemstellung, dass die Aufkündigung des Gesellschaftsvertrages der Nachkriegszeit mit seinen ökonomischen und sozialen Merkmalen (z. B. Vollbeschäftigung, wohlfahrtsstaatliche Sicherung etc.) durch eine neoliberale Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik zu politischen Veränderungen in Europa geführt hat, hatte die Konferenz zum Ziel, die Auswirkungen dieser Veränderungen ("Reformpolitiken") auf die politischen Systeme und die Beschaffenheit von Demokratie auf nationalstaatlicher und europäischer Ebene zu beleuchten.


 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft