2006/4 |
|
ÖZP 2006/4, 337-360 [INHALT] [Englisch] [Volltext]
Josef Seethaler / Gabriele Melischek (Wien)
Der Beitrag untersucht das Phänomen der Pressekonzentration im Rahmen einer detaillierten Analyse des österreichischen Mediensystems im europäischen Vergleich. Den theoretischen Rahmen bilden die von Hallin und Mancini (2004) für eine vergleichende Analyse von Mediensystemen in den liberalen Demokratien Westeuropas und Nordamerikas entwickelten "models of media and politics". Entsprechend dem in nord- und mitteleuropäischen Staaten vorherrschenden demokratisch-korporatistischen Modell (in Abgrenzung zum polarisiert-pluralistischen und zum liberalen Modell) interessieren vor allem zwei zentrale, einander überlappende und bedingende Strukturmerkmale: eine lange Zeit der Koexistenz von Partei- und Massenpresse, aus der eine bis in die Gegenwart andauernde starke Position der Tageszeitung auf dem Werbe- und Publikumsmarkt resultiert, und die Koexistenz von politischem Parallelismus in den Medien und einem hohen Professionalisierungsgrad. Beide Charakteristika lassen sich für das österreichische Mediensystem in einem großen Ausmaß zeigen. Für die daraus resultierende Notwendigkeit externer Vielfalt ist allerdings das in Österreich herrschende Ausmaß an Pressekonzentration als Gefährdung zu werten, während Auswirkungen der jüngeren Trends zu Regionalisierung und Lokalisierung noch nicht einschätzbar sind, aber mit einem im europäischen Vergleich überdurchschnittlich hohen Rückgang des Interesses an politischer Information einhergehen. ÖZP 2006/4, 361-378 [INHALT] [Englisch] Günther Lengauer (Innsbruck) Die Nachrichten des öffentlich-rechtlichen ORF müssen sich im Spannungsfeld zwischen Profit, Professionalität, Publikum und Politik positionieren und profilieren. Die Legitimation des öffentlich-rechtlichen Status wird dabei vermehrt mit dem Hinweis in Frage gestellt, dass der ORF seinem gesetzlichen Programmauftrag nicht nachkomme und politisch unausgewogen berichte. Diese empirische Studie stellt die ORF-Nachrichten österreichischen Qualitätszeitungen und ATV-aktuell komparativ gegenüber und geht der Frage nach, wie die professionellen Standards der ORF-Nachrichten im Sinne der publizistischen und politischen Pluralität im nationalen und internationalen Kontext zu beurteilen sind. Dabei zeigt sich zum einen, dass sich die ORF-Berichterstattung weitgehend im Rahmen transnationaler journalistischer Trends einordnet. Zum anderen werden allerdings punktuell signifikante Differenzierungen zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Nachrichten-Angebot sichtbar - vor allem was die demokratiepolitische Dimension der Information betrifft. ÖZP 2006/4, 379-389 [INHALT] [Englisch] Matthias Karmasin (Klagenfurt) Medienpolitik steht unter den Prämissen aktueller Medienentwicklungen wie Medialisierung, Globalisierung, Konvergenz und Kommerzialisierung unter anderen Vorzeichen. Medienpolitik in der Mediendemokratie muss angemessen auf diesen strukturellen Wandel der Medien (und der Politik selbst) reagieren. Eine konsequente Reflexion dieser Entwicklung und der ökonomischen Realität kommt - so die zentrale These des Artikels - um die Etablierung von Unternehmensverantwortung und die Etablierung von Stakeholder-konformen Regelsystemen nicht herum. Dafür wird vor dem Hintergrund internationaler Befunde ein Modell der regulierten Selbstorganisation vorgeschlagen, das die Einrichtung von Selbstregulationsinstanzen und die umfassende Implementierung von Selbstorganisationsinstrumenten in Medienunternehmen vorsieht. Aufgabe der Medienpolitik ist es, durch eine Kombination von Drohungen alternativer Regulation, durch ökonomische und soziale Motivation der Unternehmungen sowie durch finanzielle und strukturelle Unterstützung der Einrichtungen der Selbstregulierung den Medien auch in Österreich die Möglichkeit zu geben, Selbstregulation und Selbstorganisation zu implementieren. ÖZP 2006/4, 391-405 [INHALT] [Englisch] Maria Beyrl / Flooh Perlot (Krems) Die Darstellung und Vermittlung von Politik, kurz ihre Inszenierung, ist so alt wie die Politik selbst. Die stark ausgeprägten Interdependenzen zwischen politischem und massenmedialem Bereich in der gegenwärtigen Mediendemokratie haben die möglichst medien- und öffentlichkeitsfreundliche Aufbereitung von Politik nicht nur für politische AkteurInnen zu einer zentralen Notwendigkeit ihrer Arbeit gemacht, sondern die Inszenierung selbst ins Scheinwerferlicht einer durchaus kritischen Diskussion gedrängt: Wird nur mehr inszeniert? Oder herrscht ein Generalverdacht der Inszenierung gegenüber der Politik? Der vorliegende Beitrag versucht anhand von ExpertInneninterviews politische Kommunikation in Österreich unter den Aspekten von Marketing, Meinungsumfragen und Mediendemokratie zu thematisieren; im Mittelpunkt steht die Inszenierung als Begriff und Strategie. . ÖZP 2006/4, 407-424 [INHALT] [Englisch] Holger Bähr (Wien) In der Forschung über die Implementation europäischer Politik wird die These vertreten, dass Umsetzungsprobleme zu einem wesentlichen Teil auf eine geringe Übereinstimmung von europäischer und nationaler Politik zurückzuführen sind. Jüngere Studien haben jedoch zum einen diese These empirisch nicht bestätigt und zum anderen die vage Operationalisierung des Grads der Kompatibilität sowie die mangelnde Mikrofundierung der Erklärung von Umsetzungsproblemen kritisiert. In diesem Beitrag soll gezeigt werden, wie mit Hilfe des Advocacy-Koalitionen-Ansatzes eine Operationalisierung und eine Mikrofundierung erreicht werden kann. Sowohl die theoretische Überlegung als auch eine empirische Untersuchung der rechtlichen Implementation der Richtlinie über die integrierte Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung in Deutschland und Irland lassen den Schluss zu, dem Grad der Kompatibilität lediglich eine begrenzte Erklärungskraft zuzuschreiben. Ideen und Institutionen werden nicht als konkurrierende, sondern als ergänzende Faktoren für die Erklärung von Implementationsproblemen betrachtet. ÖZP 2006/4, 425-440 [INHALT] [Englisch] Markus J. Prutsch (Florenz) Vorliegender Artikel bilanziert, fußend auf der Analyse zahlreicher programmatischer Schriftstücke, die neutralitätspolitischen Positionen und Positionswandel der Österreichischen Volkspartei seit 1945 und arbeitet hierbei vier wesentliche Paradigmenwechsel heraus: Den ersten im Umfeld der Staatsvertragsverhandlungen von 1955, als die Volkspartei von einer - wenngleich noch vagen - "europäischen" sicherheitspolitischen Perspektive in einen moderaten Neutralitätskurs einschwenkt, der bis in die 1980er Jahre bestimmend bleiben sollte. Einen zweiten vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs des staatssozialistischen Ostblocks zu Beginn der 1990er Jahre, geprägt von einer wachsenden Relativierung der Neutralität. Einen dritten sodann Mitte der 1990er Jahre mit der Postulierung einer radikalen Abkehr von der Neutralität. Einen vierten und vorläufig letzten schließlich Anfang der 2000er Jahre, als die ÖVP ihren ambitionierten Vorstoß in Richtung NATO-Beitritt und vollkommene Aufgabe der Neutralität zurücknimmt. Im Ergebnis zeigt sich, dass die "neutralitätspolitische (Grat-)Wanderung" der ÖVP während der Zweiten Republik nicht nur facettenreich, sondern teilweise höchst widersprüchlich war. |