1996/1
Politische Bildung in den 90er Jahren
Political Education

 

ÖZP 96/1, 5-18     [INHALT]   [English]

Herbert Dachs (Salzburg)
DER SIECHE PROMETHEUS. ÕSTERREICHS POLITISCHE BILDUNG IN DEN MÜHEN DER EBENE

Der Frage nach politischer Erziehung in den Schulen begegneten die Parteien nach 1945 mit großem Mißtrauen. Bis in die 60er Jahre galt daher das tendenziell apolitische Konzept der staatsbürgerlichen Erziehung. Nach Ablehnung eines eigenen Faches wurde politische Bildung dann 1978 als Unterrichtsprinzip etabliert. Der Beitrag skizziert die davon ausgehenden einschlägigen Bemühungen und Entwicklungen. Verschiedene Untersuchungen zeigen nun, daß eine substantielle Verbesserung der politischen Bildung u.a. durch die zusätzliche Einrichtung eines eigenen Faches erreicht werden könnte. Die Praxis der politischen Bildung an den Schulen ist gegenwärtig von gravierenden inhaltlichen und strukturellen Mankos geprägt.


ÖZP 96/1, 19-32     [INHALT]   [English]

Gertraud Diem-Wille (Wien)
ZWÕLF JAHRE HOCHSCHULLEHRGANG. "POLITISCHE BILDUNG FÜR LEHRERINNEN AM IFF. AUFBAU, BEWERTUNG UND AUSBLICK

Beginnend mit der Darstellung der historischen Ursache der geringen Bedeutung der Politischen Bildung wird das Konzept des post-graduate Hochschullehrganges "Politische Bildung für LehrerInnen" am Institut für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung beschrieben. Der Hochschullehrgang basiert auf dem Grundsatzerlaß "Politische Bildung" (1979). In einem dritten Schritt beschreiben wir die Gestaltungsprinzipien einer demokratischen Politischen Bildung: Das Verständnis der Schule als demokratischer Lebensraum, Nachdenken über Probleme und deren gesellschaftspolitische Bedeutung, erfahrungsorientiertes Lernen und Einbeziehung der geschlechtsspezifischen Perspektive. Im vierten Teil werden die Stärken und Probleme des Kurses bewertet. Wir fragen, welche Auswirkungen er auf die Arbeit der LehrerInnen in der Schule hat. Zum Abschluß sollen Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten diskutiert werden.


ÖZP 96/1, 33-44     [INHALT]   [English]

Heike Kahlert (Hamburg)
DIE UNVOLLENDETE DEMOKRATIE. GESCHLECHTERDIFFERENZ, POLITISCHE BILDUNG UND DIE BILDUNG DES POLITISCHEN

Dieser Beitrag entwickelt die These, daß die Weiterentwicklung der Demokratie maßgeblich von Frauen ausgeht. Feministische Bildung als politische Bildung ist Teil dieses Demokratisierungsprojekts. Sie fördert die Ausarbeitung eines neuen Gesellschafts- und Geschlechtervertrags und leistet einen Beitrag zur Bildung des Politischen. Diese These wird unter Rückgriff auf den feministischen Demokratie- und Bildungsdiskurs näher entfaltet. Abschließend werden Impulse eines in der italienischen Frauenbewegung entstehenden Differenzdenkens für die politische Bildung und die Bildung des Politischen diskutiert.


ÖZP 96/1, 45-60     [INHALT]   [English]

Andreas Görg / Gregor Matjan (Wien)
POLITISCHE BILDUNG UND POLITISCHE THEORIE - EIN NICHTVERHÄLTNIS?

Politische Bildung wird im Rahmen der verschiedenen Strömungen politischer Theorie kaum explizit behandelt. Wir versuchen zunächst, einige ausgewählte Ansätze von der Kritischen Theorie bis zur Postmoderne auf ihren Gehalt für eine Theorie politischer Bildung hin zu untersuchen. Darüberhinaus wird gezeigt, warum es so schwierig ist, politische Bildung begrifflich zu fassen: Sie findet aufgrund der Allgemeinheit ihrer Wirkungen gleichzeitig überall und nirgends statt. Unser positiver Bestimmungsversuch von politischer Bildung geht schließlich von Intentionen und Motivlagen aus. Er wendet sich gegen eine diskursiv-rationalistische Verengung der Bildungsform. Leitbegriffe der Aufklärung wie Wissen oder Emanzipation können nicht als alleinige Modelle für politische Bildung dienen, sondern müssen jenseits abstrakter Diskurse erst durch empathische Vermittlung ermöglicht werden.


ÖZP 96/1, 61-68     [INHALT]   [English]

Helga Amesberger / Brigitte Halbmayr (Wien)
DAS MEDIUM SPIELFILM IN ZEITGESCHICHTE UND POLITISCHER BILDUNG AM BEISPIEL VON "SCHINDLERS LISTE"

Mit einem Spielfilm eine österreichweite "Kinoaktion" für SchülerInnen zu initiieren, läßt nach den Besonderheiten des Films "Schindlers Liste" und nach den Erwartungen der Filmvorführungen im großen Ausmaß fragen - und vor allem, welchen Beitrag eine solche Initiative zur Politischen Bildung und Vermittlung der jüngeren Geschichte leisten kann. Der vorliegende Artikel faßt die wesentlichsten Ergebnisse der Evaluationsstudie zu dieser Filmaktion zusammen. "Schindlers Liste" machte betroffen, er vermochte vor allem die affektive Ebene anzusprechen. Deutlich wurde auch der hohe Stellenwert, den Visualisierung von Geschichte für die Jugendlichen hat. Aber: Es bedarf einer "Einbettung in den Unterricht", also einer intensiven Vor- und Nachbesprechung, der Vermittlung von Hintergrundwissen und Zusammenhängen sowie der (emotionalen) Aufarbeitung des Gesehenen.


ÖZP 96/1, 67-80     [INHALT]   [English]

Hans-Georg Heinrich / Gregor Matjan / Birgit Weiss (Wien)
GLÜCKLICHE POLITOLOGINNEN? BERICHT ÜBER EINE EMPIRISCHE UNTERSUCHUNG UNTER WIENER ABSOLVENTINNEN

Vorliegende Studie versucht eine umfassende Bestandsaufnahme der Lebens- und Berufssituation Wiener DiplompolitologInnen sowie eine rückblickende Evaluation des Studiums vorzunehmen. Es zeigt sich, daß das Studium in der bisherigen Form wesentlich seinen Zweck, eine fundierte Berufsvorbildung zu leisten, erfüllt. Arbeits- und Einkommenssituation der Befragten sind - sowohl vom quantitativen Ausmaß an Berufstätigen als auch von der Qualität der Jobs - als erstaunlich gut zu bezeichnen. Die PolitologInnen verteilen sich je zur Hälfte auf öffentliche Institutionen und Parteien einerseits, und auf den privatwirtschaftlichen Sektor (und hier insbesondere die Medien) andererseits. Eine eindeutiges Berufsbild bzw. eine politologische Identität lassen sich aus den Ergebnissen jedoch nicht ableiten. Ebensowenig kann damit gesagt sein, daß veränderte arbeitsmarktpolitische Rahmenbedingungen und Studienregelungen weiterhin ähnliche "Erfolgsstories" produzieren werden.


ÖZP 96/1, 81-90     [INHALT]   [English]

Peter Daldos / Günther Hämmerle / Rebekka Hitsch / Caterina Revolti / Stefan Saumweber / Werner Tasser (Innsbruck)
AUSBILDUNG FÜR DIE ARBEITSLOSIGKEIT? ZUM VERBLEIB DER INNSBRUCKER ABSOLVENTINNEN

Vorliegende Studie wirft ein Schlaglicht auf die Studien- und Berufssituation der Innsbrucker AbsolventInnen der Politikwissenschaft. Die AbsolventInnen sind je zur Hälfte im privatwirtschaftlichen Sektor (hier insbesondere im Medienbereich) und bei öffentlichen Institutionen und politischen Parteien tätig. Ein eindeutiges Berufsbild läßt sich aus den Ergebnissen nicht ableiten. Das nur in Innsbruck verpflichtend vorgeschriebene Praktikum wird als außerordentlich nützlich für den ausgeübten Beruf beurteilt. Die Beschäftigungssituation wird fast durchgängig positiv bewertet.


ÖZP 96/1, 91-95     [INHALT]   [no english abstract available]

DIE 2. REPUBLIK UND IHR VERHÄLTNIS ZUM NATIONALSOZIALISMUS.
Eine Diskussion zwischen Anton Pelinka und Gabriele Holzer

In seiner Rezension von Gabriele Holzers Buch "Verfreundete Nachbarn. Österreich-Deutschland. Ein Verhältnis" (ÖZP, 3/1995, 360 361) hat Anton Pelinka einen Diskurs zu den Kernthesen des Buches angeregt, "der den intellektuell redlichen Konsens sucht". Wie die politischen Ereignisse der letzten Monate zeigen (Rede Haiders vor Waffen-SS-Veteranen, Diskussion um die Wehrmachtsausstellung, Bestellung Brauneders zum 3. Nationalratspräsidenten, usw.), ist das "verschüttete" Verhältnis Österreichs zum Nationalsozialismus ein wesentlicher Barometer für die demokratische politische Kultur in diesem Land. Die über 40 Jahre lang anhaltende staatspolitische Tabuisierung der Mitverantwortung Österreichs am Nationalsozialismus hat in der sozialwissenschaftlichen Forschung zu einem Mangel auch an theoretischer Auseinandersetzung geführt. Systematische wissenschaftliche Forschung wird oftmals ersetzt durch Polemik und Moralismus.

Dem Wiederabdruck der Rezension hat Anton Pelinka drei inhaltliche Erläuterungen angeschlossen, die seine Argumente präzisieren sollen. In ihrer Replik greift Gabriele Holzer einige der Kritikpunkte Pelinkas auf und versucht sie kritisch zu hinterfragen.

Der Diskurs zwischen Pelinka und Holzer versteht sich auch als Anregung zu einer verstärkten wissenschaftlich-intellektuellen Diskussion über das Thema im Rahmen der ÖZP.

 

 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft