1996/2
Natur als Politikum
Nature, Politics and Political Theory

 

ÖZP 96/2, 121-136     [INHALT]   [English]

Sonja Puntscher Riekmann (Wien)
VON DER BEHERRSCHUNG ZUR ÜBERWINDUNG DER NATUR. VERSUCH EINER THEORIE DER MACHT ÜBER DIE NATUR

Dieser Artikel ist der Frage nach dem Verhältnis von Kultur und Natur und seinen Veränderungen gewidmet. Ausgangspunkt ist eine Reflexion moderner Bio- und Gentchnologien als eines neuen äußersten Punktes in diesem Verhältnis, an dem es nicht mehr bloß um die Beherrschung einer "feindlichen" oder "nützlichen" Natur, sondern um ihre Virtualisierung durch ihre Neuerschaffung durch den Menschen geht. Moderne naturwissenschaftliche Diskurse beschreiben diesen Akt selbst als Natur und initiieren damit eine Renaturalisierung von Mensch und Gesellschaft, indem sie die Differenz von Natur und Kultur leugnen. Diskutiert wird hier die Qualität dieses neuen Machtanspruchs der Wissenschaft gegenüber der Natur und dessen Auswirkungen auf die Politik vor allem anhand der Humangenetik. Wie ist Freiheit als politischer Begriff angesichts der anvisierten Veränderungen der biologischen Natur des Menschen durch mögliche Eingriffe in dessen Keimbahn zu definieren und zu garantieren? Plädiert wird für die Einführung einer Metaebene des Denkens als einer modernen Metaphysik, auf der das variable Verhältnis von Natur und Kultur im Zusammenhang seiner Bedingtheiten und möglichen Wirkungen reflektierbar wird. Ziel einer solchen Reflexion ist eine Politische Technologie als eine Strategie von Politik, Grenzen und Freiräume von Wissenschaft und Ökonomie so zu definieren, daß auch in Zukunft die Stabilität demokratischer Gemeinschaften gewährleistet werden kann.


ÖZP 96/2, 137-150     [INHALT]   [English]

Volkmar Lauber (Salzburg)
BEHERRSCHUNG ODER ACHTUNG: GRUNDHALTUNGEN ZUR ÄUSSEREN UND INNEREN NATUR

Die führenden Vertreter der wissenschaftlichen Revolution gingen davon aus, daß Natur "tote" Materie war, somit für menschliche Beherrschung ausgelegt. Parallel zu dieser Revolution gab es Bemühungen, den menschlichen Körper und seine Gefühle ("innere" Natur) der berechnenden Disziplin von Vernunft und Interesse zu unterwerfen; das förderte die Isolierung des "rationalen Individuums" von innerer und äußerer Natur.

Diese Weltsicht erfaßte nie die ganze Menschheit; besonders stark ist sie bei ökonomischen, politischen und technischen Eliten ausgeprägt. Neuere Erkenntnisse der Naturwissenschaften untergraben ihre Grundlage; so erscheint etwa in der neuen Physik Natur als etwas Belebtes, das über Eigenleben verfügt. Eine ähnliche Umkehr ist im Bereich der inneren Natur denkbar, wobei Achtung an die Stelle von Beherrschung tritt.

Die Diskussionen um sustainable development stellen diese Fragen von neuem. Versuche, die ökologische Krise ohne diese Haltung der Achtung von Natur zu überwinden, scheinen nicht sehr vielversprechend.


ÖZP 96/2, 151-168     [INHALT]   [English]

Margarete Maurer (Bremen/Wien)
ZUM POLITISCHEN IM NATURBEZUG DER NATURWISSENSCHAFTLICHEN LABORPRAXIS. FÜR EINE POLITIK DER KOPRODUKTIVITÄT UND DES DIALOGES

Durch die experimentelle Verfahrensweise der naturwissenschaftlichen Laborarbeit wird eine spezifische und problematische Art des Verhältnisses zu "Natur" alltäglich realisiert. Diese wird anhand ausgewählter Beispiele in verschiedenen Aspekten analysiert und in einem weiteren Schritt mithilfe kommunikationswissenschaftlicher Theorien als besondere Beziehungspraxis interpretiert. Soll dieses Naturverhältnis neu bestimmt und für eine Umorientierung der Wissenschafts- und Technologiepolitik fruchtbar gemacht werden, erfordert dies die Partizipation von BürgerInnen und Initiativgruppen und einen verstärkten und gleichberechtigten interdisziplinären Dialog sowie die Kooperation zwischen diesen und den Natur-/Ingenieurwissenschaften einerseits und der Politikwissenschaft bzw. den Sozial-/Geisteswissenschaften andererseits. Ziel ist eine Naturpolitik, die Natur als Mitwelt behandelt und einen Naturbezug realisiert, der auf Mitproduktivität und Allianztechnik beruht.


ÖZP 96/2, 169-182     [INHALT]   [English]

Matthias Weimayr (Maria Enzersdorf)
DIE VOLLKOMMENE ORDNUNG. ASPEKTE EINES IDEOLOGISIERTEN NATURBEGRIFFS IM ZEITALTER NEWTONS

Der Wandel des Naturbegriffs in der frühen Neuzeit läßt sich als Säkularisierungsprozeß lesen. Dies wird anhand des göttlichen Attributs der Vollkommenheit belegt, das auf die eigengesetzliche, berechenbare, prästabilierte Naturordnung ausgeweitet wird. Die ideologische Anwendung dieses newtonianischen Konzepts auf die organische, psychologische und politische Natur erzwingt dessen Temporalisierung zur Vollkommenheit des Werdens, der qualitativen Entwicklung und des Fortschritts, wobei die Perfektionierungsstrategien den Ordnungsinstanzen der Gesellschaft zugeteilt werden.


ÖZP 96/2, 183-192     [INHALT]   [English]

Barbara Holland-Cunz (Gießen)
NATURVERHÄLTNISSE IN DER DISKUSSION: DIE KONTROVERSE UM "SEX AND GENDER" IN DER FEMINISTISCHEN THEORIE

Die feministische sex-gender-Kontroverse kann als aufschlußreiches Beispiel der natur- und wissenschaftstheoretischen Diskussion zwischen essentialistischen und konstruktivistischen Interpretationen von "Natur" gelesen werden. In der im Anschluß an Judith Butler geführten deutschsprachigen Debatte läßt sich eine zunehmend unproduktive Polarisierung der konträren Positionen wahrnehmen, die einer genauen Lektüre der einschlägigen Publikationen jedoch nicht standhält. Konstruktivistische Theoretikerinnen kommen nicht ohne "essentialistische Einschlüsse" aus, essentialistische Autorinnen integrieren konstruktivistische Perspektiven. Solche "Unreinheiten" sind einem komplexen, differenzierten Bild der materialen, historisch gewordenen, gleichwohl eigenlogischen menschlichen Körperlichkeit naturtheoretisch angemessen. Aus der Perspektive eines konstruktivistisch informierten Essentialismus werden einige zeitliche und räumliche Dimensionen sowie insbesondere körperliche Grenzerfahrungen als notwendige naturtheoretische Bestimmungsmomente skizziert.


ÖZP 96/2, 193-206     [INHALT]   [English]

Franz Seifert (Wien)
DAS ARGUMENT DER MENSCHLICHEN NATUR IN DER EINWANDERUNGSDEBATTE VERANSCHAULICHT AM BEISPIEL IRENÄUS EIBL-EIBESFELDT. FÜR EINEN NEUEN UMGANG MIT DOPPELNATUREN

Am Beginn steht die Frage, ob angesichts der Tendenz von Theorien über die menschliche Natur sich in self fulfilling prophecies zu verwandeln (von Herrschaftsideologien absorbiert zu werden) die Frage nach ihrer Wahrheit von der Beantwortung der Frage ihrer gesellschaftlichen Konsequenzen abhängig gemacht werden soll. Anhand des Verhaltensbiologen Eibl-Eibesfeldt, der zu einem den politischen Einwanderungsdiskurs mitgestaltenden Akteur wird, wird das Verschmelzen von Wissenschaft und Politik demonstriert. Als Gegenstrategie zu ideologischer Vereinnahmung wird der Verhaltensbiologie statt Rückzug auf "Wissenschaftlichkeit" die Teilnahme an einem öffentlichen Diskurs, den Sozialwissenschaften hingegen eine Öffnung gegenüber der Verhaltensbiologie empfohlen. Ein Einblick in den Stand von Theorie und Forschung zeigt, daß - ohne die Idee der menschlichen Natur aufzugeben - eine Entkräftung der Thesen möglich ist.


ÖZP 96/2, 207-222     [INHALT]   [English]

Günther Sandner (Salzburg)
NATURANEIGNUNG UND KULTURMISSION. DISKURSE ÜBER NATUR UND LEBENSREFORM IM SOZIALDEMOKRATISCHEN LAGER ÕSTERREICHS UND DEUTSCHLANDS (1895-1933/34)

Der Artikel versucht, die unterschiedlichen Ausprägungen des Naturbegriffs im sozialdemokratischen Lager Österreichs und Deutschlands im Zeitraum 1895-1933/34 diskursanalytisch zu erfassen und am Beispiel zweier Verbände der ArbeiterInnenkulturbewegung, der Naturfreunde und der Arbeiter-Abstinenten, exemplarisch zu verdeutlichen. Dabei wird ein umfassendes Naturverständnis deutlich, in dem erweiterte Herrschafts- und Kontrollmöglichkeiten von und über Natur als Bestandteil der historischen Entwicklung und als notwendiges Instrument zur Überwindung der Entfremdung von Mensch und Natur erscheinen. Theoretische Diskurse und soziale Praxen, die innerhalb der Sozialdemokratie naturschonende, alternative Lebensweisen artikulieren, werden als Gegendiskurse zu diesem herrschenden Modell begriffen. Überlegungen zum Verhältnis von ArbeiterInnen- und Ökologiebewegung beschließen den Beitrag.


ÖZP 96/2, 223-234     [INHALT]   [English]

Alex Demirovic (Frankfurt/Main)
KRITISCHE THEORIE UND NATIONALISMUS

Nationalismus wird modernisierungstheoretisch häufig als Rückfall auf vormoderne Einstellungen, als individuelle Reaktion auf die Überforderungen durch die Moderne interpretiert. Die Kritik an den Schwächen einer solchen Erklärung dient Alex Demirovic als Folie für eine Rekonstruktion der Elemente zu einer Theorie des Nationalismus, wie sie sich in der älteren Kritischen Theorie angedeutet finden. Hier finden sich Anregungen, bei aller Kritik rationale Momente des Nationalismus zu retten.


ÖZP 96/2, 235-239     [INHALT]   [English]

Stephan Barisitz (Paris)
NATIONALITÄTENKONFLIKTE IN OSTEUROPA: MÕGLICHE DETERMINANTEN UND IHRE EINSCHÄTZUNG

In der vorliegenden Analyse werden aus Plausibilitätsüberlegungen abgeleitete strukturelle Determinanten der potentiellen Stärke von Nationalitätenkonflikten ermittelt und der tatsächlich wahrgenommenen Stärke aktueller Nationalitätenkonflikte in Osteuropa gegenübergestellt (Stand: Juni 1995). Daraus wird versucht, abzuleiten, ob eine konkrete Auseinandersetzung mittel bis längerfristig eher zu einer Abschwächung oder zu einer Verschärfung tendieren könnte. Folgende Strukturdeterminanten wurden zugrundegelegt: staatsrechtlicher Gegenstand des Konfliktes (Autonomie, Unabhängigkeit, Grenzverschiebung etc.), ökonomische Ressourcen als Konfliktgegenstand, Einkommensdifferenzen/soziale Disparitäten, ethnische Vielfalt des umstrittenen Territoriums, unterschiedliche Religionen. Aus der Gegenüberstellung ergeben sich für 13 ausgewählte Konflikte (von slowakisch-ungarischen Spannungen über den Bosnienkonflikt bis zu den armenisch-aserbaidschanischen Auseinandersetzungen) eine Reihe von künftigen möglichen "hot spots", "cooling off spots" und "unpredictables".