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1997/4 Leadership |
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ÖZP 97/4, 369-368 [INHALT] [English] Anton Pelinka (Innsbruck/Wien) Der Artikel ist eine kritische Bestandsaufnahme des politikwissenschaftlichen Stellenwertes von leadership - als Begriff und als Konzept. Leadership wird als ein Ansatz kritisiert, der zur theoretischen Unschärfe und analytischen Beliebigkeit neigt. Die dahinter stehenden Ursachen sind die "Weichheit" des Begriffes, die pseudo-theoretische Verschleierung einer Flucht vor Theorie, die Legitimation von nicht reflektierten Sehnsüchten, die Blindheit gegenüber der Kategorie Geschlecht und ein demokratietheoretisches Defizit. Diese verschiedenen, dem politikwissenschaftlichen Erkenntnisgewinn abträglichen Funktionen können reduziert werden, um so - durch eine Entschlackung des Begriffes - die Sinnhaftigkeit des Konzeptes zu retten. ÖZP 97/4, 377-392 [INHALT] [English] Irene Etzersdorfer
(Wien) Der wissenschaftlich nicht geschützte Begriff leadership wird für eine Fülle unterschiedlicher Konzepte herangezogen; nicht selten wird dabei mit einem Alltagsverständnis des Wortes argumentiert, das wenig Verankerung in Denktraditionen der Sozialwissenschaft besitzt. So geraten auch Zugänge, die theoriegeleitete Ansätze vertreten, leicht in den Verdacht unüberprüfbarer spekulativer Sammelsurien. Tatsächlich aber verbergen sich hinter den Debatten um die Sinnhaftigkeit einer leadership-Forschung in der Politikwissenschaft ungelöste wissenschaftstheoretische Spannungen, die um die Frage des individuellen Einflusses auf den politischen Prozeß kreisen. Da eine Untersuchung der systematischen Zusammenhänge von 'Subjekt' und 'Politik' dadurch unterblieben ist, wird die Preisgabe eines weiten öffentlichen Interessenfeldes an pseudowissenschaftliche Betrachtungsweisen oder an solche 'szientistischen' Sichtweisen riskiert, die uns eine Welt zeichnen wollen, die von einem rationalen Kalkül beherrscht ist. Dabei werden diejenigen Verfahren, die auch die Auswirkungen der dunklen und chaotischen Anteile des Seelenlebens auf die Politik berücksichtigen, entweder dilettantisch popularisiert oder als reine 'Epiphänomene' aus den sich 'exakt' und alleinig 'objektiv' wähnenden Verfahren katapultiert. Dies ist umso erstaunlicher, als gerade die Politikwissenschaft als relativ junge 'Integrationswissenschaft' sowohl hermeneutische als auch empirisch-analytische und aus deduktiven Methodologien abgeleitete Diskurse führt. Die leadership-Forschung könnte
sich als Feld einer Neubestimmung von 'Politik' unter Einbeziehung
von Erkenntnissen aus den Feldern der Sozialpsychologie, der
Politischen Psychologie und der Psychoanalyse eignen. ÖZP 97/4, 393-406 [INHALT] [English] Thomas Nowotny (London) Es ist üblich geworden, für die Zeit, da Kreisky zwischen 1970 und 1983 als Bundeskanzler regierte, den Ausdruck "Ära" zu verwenden. Das erweckt den Eindruck, als wäre diese Periode tatsächlich und tiefgehend von der Person des damaligen Kanzlers bestimmt gewesen. Das ist natürlich auf vielfache Weise unzutreffend. In vielfacher Hinsicht hat nämlich umgekehrt die Zeit den Kanzler gemacht und ermöglicht. Wie niemals zuvor, oder niemals danach, bot sich damals zum Beispiel die Chance einer "Sozialdemokratischen Hegemonie". Eine solche Chance kann aber auch vertan werden. Es ist keineswegs selbstverständlich, daß Kreisky sie erkennen und politisch umsetzen konnte. Als politischer leader war er aber nicht nur deshalb beachtlich, weil er solche Chancen und Entwicklungen zu nutzen wußte. Er hat auch Entwicklungen bewirkt, die es ohne ihn - zumindest in dieser Form und Schnelligkeit - nicht gegeben hätte. Dies geschah vornehmlich durch seinen sehr persönlichen Stil des "pädagogischen Diskurses". Durch ihn wurde an Urteilsvermögen und Verantwortungssinn appelliert; und Menschen wurden dadurch als mitgestaltende BürgerInnen und nicht als bloße WählerInnen angesprochen. Das lieferte einen wichtigen Beitrag für die Änderung der politischen Kultur Österreichs; und diese Veränderung war ihrerseits Voraussetzung für eine breitere Modernisierung des Landes. ÖZP 97/4, 407-422 [INHALT] [English] Günther Pallaver
(Innsbruck) Die Verfassungswirklichkeit und die Zentralität der politischen Parteien haben in der Vergangenheit die Herausbildung einer leadership in Italien erschwert. Die Wende kam mit der Krise des politischen Systems und dem Entschluß Silvio Berlusconis, in der Politik eine aktive Rolle zu spielen. In der Zeit zwischen November 1993 und den Parlamentswahlen im März 1994 übte Berlusconi transforming leadership aus: Mit der Gründung seiner politischen Bewegung Forza Italia füllte er das Vakuum im Mitte-Rechts-Lager und holte die ausgeschlossene Antisystempartei MSI/AN ins Parteiensystem herein. Nach den siegreichen Parlamentswahlen versuchte sich Berlusconi auch weiterhin in seiner (Tele)leadership, scheiterte aber an den inneren Widersprüchen seiner Koalition und an der italienischen Demokratie. ÖZP 97/4, 423-436 [INHALT] [English] Ludger Helms (London) Der Beitrag diskutiert - ausgehend von der Frage nach der politischen und politikwissenschaftlichen Relevanz der Akteure Regierung und Opposition - unterschiedliche Hypothesen zum Zusammenspiel der beiden Zentralakteure der parlamentarischen Arena im staatlichen Entscheidungsverfahren parlamentarischer Demokratien. Im Anschluß daran wird kurz die Frage nach geeigneten methodischen Wegen für eine empirische Überprüfung der diskutierten theoretischen Annahmen erörtert. ÖZP 97/4, 437-452 [INHALT] [English] Emmerich Tálos
(Wien) Das Thema "Armut" ist auch in reichen Staaten wieder präsent, verstanden als ein - zu verbreiteten Standards- relatives Problem. Die These des Beitrags ist, daß dieses Phänomen in engem Zusammenhang mit Erosionstendenzen bei jenen "Instanzen" steht, die lange Zeit wesentlich zur Sicherung von Teilhabechancen beigetragen haben: Staat, Markt, Ehe und Familie. Dies wird durch die jüngste Entwicklung in Österreich ebenso untermauert wie durch Befunde rezenter Armutsstudien. Die abschließend gestellte Frage ist, welche Schritte aus der Armut es geben könnte. ÖZP 97/4, 453-458 [INHALT] [English] Sabine Kroißenbrunner
(Wien) Soziopolitische Netzwerke sind zentral für die Entwicklung politischer Identität von ZuwanderInnen. Sie schließen zahlreiche Loyalitäten und Strukturen (landsmannschaftliche, kulturelle, berufsständische, religiöse, politische, familiäre, ...) mit ein und gehen über das ideologisch-politische Element hinaus. Ihnen kommt zunehmend eine Funktion im demokratischen Prozeß von Einwanderungsgesellschaften zu. Die hier analysierten in Wien ansässigen Vereine Milli Görüs/ Vereinigung der Nationalen Weltsicht und die IKZ/ Union Islamischer Kulturzentren repräsentieren islamistische bzw. neo-traditionalistische Organisationen, die unterschiedlich auf die Herausforderungen der Moderne und den Kontext der Migration reagieren. Als Schlußfolgerungen werden einige Forschungsaspekte formuliert, die zentral sind für das Verstehen der Entwicklung, Aktivitäten und Zielsetzungen von türkischen ZuwanderInnenvereinen. |