1998/1
Gentechnik und Politik
Genetic Engineering and Politics

 

ÖZP 98/1, 5-28     [INHALT]   [English]

Petra Grabner (Salzburg) / Helge Torgersen (Wien)
ÖSTERREICHS GENTECHNIKPOLITIK - TECHNIKKRITISCHE VORREITERROLLE ODER MODERNISIERUNGSVERWEIGERUNG?

Während die österreichische Gentechnikpolitik aus EU-Perspektive den Eindruck technologiekritischen Vorreitertums (wie in der Umweltpolitik) erweckt, wird sie in Österreich einerseits als populistische Verweigerung technologischer Modernisierung eingeschätzt, andererseits als unglaubwürdig-taktische Inszenierung von Technologiekritik. Dieser Beitrag untersucht den Weg der österreichischen Gentechnikpolitik von einer anfänglichen Rhetorik nachholender Modernisierung über das Experimentieren mit neuen politischen Instrumenten bis zur Skandalisierung in den Medien anläßlich der ersten Freisetzungsanträge, die in das Gentechnik-Volksbegehren mündeten. Diese Vorgänge werden als Begleiterscheinungen auf dem Weg in eine neue "reflexive" Modernisierung gedeutet.


ÖZP 98/1, 29-46     [INHALT]   [English]

Bernhard Gill (München)
UNGEWISSHEIT, ADMINISTRATIVE ENTSCHEIDUNG UND DEMOKRATIE - DIE NEUEN ANFORDERUNGEN DURCH DIE GENTECHNIK

Im Rahmen der Theorie 'reflexiver Modernisierung' (Beck, Giddens) wird die These vertreten, daß namentlich bei der Gentechnik das Recht in neuerer Zeit nicht nur auf bekannte Gefahren reagiert, sondern auch gegen bisher noch unbekannte Risiken Vorsorge zu treffen versucht. Die Etablierung eines offenen Suchhorizonts stellt die staatliche Verwaltung und andere politische Akteure vor die Aufgabe, neue Lernstrategien zu implementieren. Die Schwierigkeiten, diese Aufgabe mit den bisherigen gewißheitsorientierten Handlungsroutinen in Einklang zu bringen, werden anhand der Freisetzungen und Marktzulassungen in Deutschland und in der EG beschrieben. Weil das explizite Eingeständnis von Ungewißheit die Legitimation eines ausschließlich expertengestützten Entscheidungsverfahrens untergräbt, wächst der Bedarf für neue demokratische Beteiligungsformen in Europa.


ÖZP 98/1, 47-62     [INHALT]   [English]

Daniel Barben (Berlin)
GENESE UND WIRKUNGEN BIOTECHNOLOGISCHER REGIME. ELEMENTE EINER ERWEITERTEN REGIMEANALYSE

Um die Konfiguration biotechnologischer Entwicklungen und Anwendungen in ihren verschiedenen Aspekten erfassen zu können, wird für eine integrale regimetheoretische Analytik plädiert. Hierfür werden theoretische Anknüpfungspunkte aus der Policy-Netzwerk-Analyse, internationalen Politik, evolutionären Ökonomie und der Regulationsschule vorgestellt, und Regime werden analytisch nach den Dimensionen der Innovation, Regulierung und Enkulturation unterschieden. Vor dem Hintergrund der übergreifenden geschichtlichen Konfliktkonstellationen werden Formierungsprozesse biotechnologischer Regime für die Bereiche Innovation, Risikoregulierung, Patentierung, Biodiversität und Bioethik skizziert.


ÖZP 98/1, 63-78     [INHALT]   [English]

Kathrin Braun (Hannover)
ZIVILISATION ODER DEHUMANISIERUNG? MENSCHENRECHTSSCHUTZ UND INTERNATIONALES BIOETHIK-REGIME

Mit dem Menschenrechtsübereinkommen des Europarates zur Biomedizin und der UNESCO-Declaration zum menschlichen Genom ist ein internationales Bioethik-Regime entstanden. Beide Instrumente beanspruchen eine Ausweitung der Menschenrechte auf das Feld der Biomedizin. Tatsächlich beteiligen sie sich jedoch an einer kollektivistischen Uminterpretation und Aushöhlung der klassischen Menschenrechte. Die Ambiguität dieser Regime ist mit einem normativen Regimebegriff, für den internationale Regime per se wünschenswert sind, nicht einzufangen. Der Begriff der Bio-Macht von Michel Foucault bietet eine andere Sicht auf die untersuchten Instrumente, die zugleich für die Analyse internationaler Regime nutzbar gemacht werden kann.


ÖZP 98/1, 79-92     [INHALT]   [English]

Gabriele Abels (Berlin) / Maria Behrens (Hagen)
EXPERTINNEN-INTERVIEWS IN DER POLITIKWISSENSCHAFT. DAS BEISPIEL BIOTECHNOLOGIE

Interviews mit ExpertInnen sind ein weitverbreitetes Erhebungsverfahren in der Politikwissenschaft, dessen methodologische und methodische Reflexion jedoch noch am Anfang steht. Der Beitrag beschreibt anhand von zwei Forschungsprojekten in verschiedenen Feldern der Biotechnologie die Erfahrungen mit dem Instrument und reflektiert diese im Hinblick auf eine Reihe von sozialen Faktoren, deren Einfluß auf Validität und Reliabilität der Daten nur bedingt kontrollierbar und ambivalent ist. Ein besonderer Faktor ist hierbei das Geschlecht der Gesprächsteilnehmer. Aufgrund der Risiken des Verfahrens insbesondere in dem politisch konfliktreichen Technikfeld sollte es nur im Rahmen einer Methodentriangulation verwendet werden.

 

 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft