1999/1
Gleichstellung und Institution
Gender Equality and Institution

 

ÖZP 99/1, 7-20     [INHALT]   [English]

Eva Kreisky/Birgit Sauer (Wien)
FEMINISMUS ODER STAAT: Frauenpolitik zwischen Skylla und Charybdis?

Frauen- und Gleichstellungspolitiken sind in Österreich wie auch in Deutschland in die Jahre gekommen, aber sie sind mittlerweile auch sehr diversifiziert. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Evaluierung dieses staatlichen Politikfeldes, aber auch einer systematischen, analytischen Betrachtung des schwierigen Verhältnisses von Frauenbewegung und Staat. Wir wollen das Zusammenspiel von Frauenbewegung und staatlicher Gleichstellungspolitik vor dem Hintergrund eines geschlechtersensiblen Institutionen- und Staatskonzeptes beleuchten, um die Aporien der ambivalenten Einschätzungen von "Frauenbewegung und Staat" aufzulösen.
Die Analysen von Frauenpolitik sind deutlicher politisch und ökonomisch zu kontextualisieren, weil der aktuelle Formwandel bzw. die Informalisierung nationalstaatlicher Institutionen und Entscheidungsstrukturen sowie die Ökonomisierung von Politik und politische Deregulierung veränderte Voraussetzungen für einen staatlichen Geschlechterkompromiß schaffen. Dieser bedarf der paradoxen Intervention gegen den und mit dem Staat.


ÖZP 99/1, 21-34     [INHALT]   [English]

Regina-Maria Dackweiler (Fribourg)
ZUR VERSOZIALWISSENSCHAFTLICHUNG VON ALLTAGSWISSEN: Feministische Forschung als Material sozial rationalisierter Geschlechterdifferenz-Diskurse

Entlang der Aussagen von Personalverantwortlichen, Betriebsräten und Personalvertretern über Gleichstellungspolitik und Frauenförderungsmaßnahmen im öffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft lassen sich Argumentationsfiguren rekonstruieren, welche entgegen der politischen Vorgabe der Geschlechtergleichheit erneut dichotom angesiedelte Geschlechterdifferenzen betonen, die Ungleichbehandlung wie Ungleichstellung von Frauen in der Erwerbssphäre legitimieren. Im Zuge dieser Re-Dramatisierung der Differenzen amalgamieren die befragten Männer traditionale Weiblichkeitsstereotypen mit spezifisch modernisierten Elementen der Begründung organisationsinterner Geschlechtersegregation und der Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen. Hierbei rekurrieren sie implizit auf feministische Forschungsergebnisse zu den Bedingungen von Frauenarbeit in Produktion und Reproduktion, jedoch verkürzt um deren herrschaftskritisches Potential. Nicht zuletzt in Form von Gleichstellungs- und Frauenförderungsmaßnahmen wurden jene Ergebnisse in den vergangenen Jahren politisch praktisch und gelangten in das Alltagswissen betrieblicher Akteure.


ÖZP 99/1, 35-47     [INHALT]   [English]

Ingrid Mairhuber (Turin/Wien)
GESCHLECHTERPOLITIK IM SOZIALSTAAT ÖSTERREICH SEIT ANFANG DER 80ER JAHRE

Österreichische Sozialpolitik ist insofern auch als Geschlechterpolitik zu begreifen, als das Geschlechterverhältnis durch diese nachhaltig beeinflußt und bestimmt wird. Das - vor allem auf der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung beruhende - hierarchische Geschlechterverhältnis sollte auch durch die sozialpolitische Gestaltung seit Anfang der 80er Jahre keine strukturelle Transformation erfahren. Dennoch weist die Geschlechterpolitik im Sozialstaat Österreich neben Kontinuitäten auch Veränderungen und Brüche auf. Waren die 80er Jahre durch eine Zunahme an geschlechtsneutralen Regelungen bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der faktisch-materiellen Diskriminierung von Frauen gekennzeichnet, so führte das Streben nach Abbau eben dieser Ungleichheiten am Beginn der 90er Jahre - vor allem im Zuge des "Gleichbehandlungspaketes" - doch zu punktuellen Verbesserungen für Frauen. Seit Mitte der 90er Jahre muß im Zusammenhang mit einer völlig vom budgetären Einsparungsgedanken getragenen Sozialpolitik und trotz geschlechtsneutraler bzw. der scheinbar im Einklang mit "frauenpolitischen" Forderungen getroffenen Regelungen von einer Re-Patriarchalisierung des Geschlechterverhältnisses gesprochen werden.


ÖZP 99/1, 49-62     [INHALT]   [English]

Birgitt Haller (Wien)
POLITISCHE PARTIZIPATION VON FRAUEN

In diesem Beitrag werden Veränderungen im politischen Partizipationsverhalten von Frauen seit den 70er Jahren untersucht, und zwar einmal in Hinblick auf das Wahlverhalten und zum anderen auf der Ebene des politischen Interesses sowie der Politikbeteiligung im formellen wie im informellen Bereich. Die Institutionalisierung der Frauenpolitik in Österreich, die immer wieder als ein "Paukenschlag" bezeichnet wird, hat das Partizipationsverhalten zwar nicht erschüttert, aber einige Veränderungen können doch ausgemacht werden. Frauen wählen (teilweise) anders als vor zwanzig Jahren und anders als Männer, weil die Parteienlandschaft heute stärker ausdifferenziert ist, und sie partizipieren (teilweise) anders, vor allem weil die informelle Politikbeteiligung größere Akzeptanz und Verbreitung gefunden hat. Nicht geändert hat sich dagegen ihre politisch-institutionelle Beteiligung, vor allem in Hinblick auf die Mitgliedschaft bei den traditionellen Parteien und auf parteinahe Aktivitäten: Dieser Bereich ist eine Männerdomäne geblieben.


ÖZP 99/1, 63-74     [INHALT]   [English]

Regina Köpl (Wien)
DAS ENDE DER BESCHEIDENHEIT? -
20 Jahre institutionelle Frauenpolitik in Österreich

Der Schwerpunkt dieses Beitrags liegt auf der Darstellung und Entwicklung der Instrumente und Maßnahmen institutioneller Gleichstellungspolitik in Österreich. Entwicklung und Ausweitung lassen sich in drei Phasen nachzeichnen. Ende der 70er Jahre führen die Forderungen von Frauen in und außerhalb der etablierten Parteien zur Institutionalisierung frauenpolitischer Einrichtungen auf Bundesebene sowie zur Verabschiedung eines ersten Gleichbehandlungsgesetzes. Die 80er Jahre können als Konsolidierungsphase bezeichnet werden. Anders als in anderen europäischen Ländern erfolgte die flächendeckende Integration von Gleichstellungseinrichtungen auf regionaler und lokaler Ebene allerdings erst in den 90er Jahren.


ÖZP 99/1, 75-78     [INHALT]   [English]

Elke Ziegler (Wien)
POLITIK UND GESCHLECHT - ein Bericht

Aufbauend auf den Fundamenten der bereits Anfang der 80er Jahre gegründeten ÖGPW-Sektion "Frauenforschung" wurde 1996 die Sektion "Politik und Geschlecht" ins Leben gerufen. Seit mehr als zwei Jahren arbeiten etwa 45 Wissenschafterinnen in diesem Rahmen an der Umsetzung von Fraueninteressen und der Förderung feministischer Arbeiten. Neben regelmäßigen Diskussionsveranstaltungen versuchen die engagierten Politologinnen auch mittels wissenschaftlicher Tagungen die feministische Politikwissenschaft einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Letztes Beispiel: die Fachtagung "Verliererinnen der Wende - Gewinnerinnen der EU? Auswirkungen der Transformation und Chancen der EU-Osterweiterung", die Anfang November 1998 in Wien stattgefunden hat. Daneben soll ein Netzwerk feministisch arbeitender SozialwissenschafterInnen in Österreich aufgebaut werden. Obwohl die Sektionsarbeit - trotz mangelnder finanzieller Ressourcen - recht gut läuft, sind Neuzugänge stets willkommen.


ÖZP 99/1, 79-85     [INHALT]   [English]

Elisabeth Wolfgruber (Salzburg)
DAS BERUFSPROFIL VON POLITOLOG/INN/EN
- Ein Projektbericht

Im Rahmen dieses Projektes evaluierte ein zehnköpfiges Team die Berufsperspektiven von Politikwissenschafter/inne/n. Die Ergebnisse der Untersuchung stützen sich dabei zum einen auf eine standardisierte schriftliche Befragung (1.) der derzeitigen Diplomand/inn/en bzw. Dissertant/inn/en, (2.) der bisherigen Absolvent/inn/en dieser Disziplin sowie (3.) öffentlicher und privater Unternehmen, zum anderen auf semistrukturelle Interviews mit ausgewählten Vertreter/inne/n dieser Zielgruppen. Die Ergebnisse signalisieren dabei, daß sich sowohl ein politikwissenschaftliches Institut als Ausbildungs- und Forschungsstätte, als auch seine Absolvent/inn/en als Anbieter/innen von Arbeitskraft zukünftig hohen Anforderungen zu stellen haben. Wenn es auch in der Eigenverantwortung jedes/r einzelnen liegt, inwieweit ein bestehendes Ausbildungsangebot genutzt wird, sind neue Maßstäbe zum einen im fachlich-didaktischen Bereich, zum anderen im Bereich der Praxisorientierung zu setzen.


ÖZP 99/1, 87-99     [INHALT]   [English]

Christoph Butterwegge (Köln)
RECHTSEXTREMISMUS, RASSISMUS UND NATIONALISMUS IM ZEITALTER DER GLOBALISIERUNG

Rechtsextremismus ist ein hochkomplexes und sozial heterogenes Phänomen, das Gesinnungen und Gewalttaten, neonazistische Organisationen und "jungkonservative" Orientierungen, jugendliche Schlägerbanden und "Skinheads in Nadelstreifen", "Stiefelfaschisten" und Stammtischbrüder umfaßt. Schon seit jeher erregen Rechtsextremisten "auf der Straße" mehr Aufsehen als Rechtsextremisten in Parlamenten, was die in Deutschland bis vor kurzem schlechte Literaturlage zur Tätigkeit letzterer (vgl. neuerdings: Hafeneger 1995; Butterwegge et al. 1997; Schmidt 1997) erklärt; noch weniger spektakulär erscheint das in der Grauzone zwischen Neokonservatismus, Nationalliberalismus und Extremismus angesiedelte Wirken rechter Intellektueller (Gessenharter 1994; Weber 1997; Pfahl-Traughber 1998). Hier müßte aber angesetzt werden, um Beschädigungen der demokratischen Kultur rechtzeitig erkennen und ihnen - etwa durch politische Bildung - entgegenwirken zu können.


ÖZP 99/1, 101-109     [INHALT]   [English]

Urs Altermatt/Damir Skenderovic (Fribourg/New York)
DIE RECHTSEXTREME LANDSCHAFT IN DER SCHWEIZ: Typologie und aktuelle Entwicklungen

Der vorliegende Beitrag befaßt sich zunächst mit politischen Parteien in der Schweiz, die mit ihren Debatten über die Ausländer- und Flüchtlingspolitik, über die Außen- und Europapolitik das gesellschaftliche Klima beeinflussen. Mit ihren xenophoben und nationalistischen Parolen tragen sie zur Ausbreitung rechtsextremer Einstellungen bei. Wie aktuelle Umfragen zeigen, manifestieren sich in Teilen der schweizerischen Bevölkerung wie anderswo in Europa rechtsextreme Denkmuster, zu denen vor allem Antisemitismus, Nationalismus und Xenophobie gehören. Im zweiten Teil des Beitrags wird der Schwerpunkt auf Organisationen, Aktionen und Publikationen der rechtsextremen Szene in der Schweiz gelegt. Diese hat in den letzten Jahren zwar vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit erfahren, trotzdem ist deren Einfluß auf gesellschaftspolitische Diskussionen nach wie vor gering zu veranschlagen. Anhand einer Typologie der Organisationen gliedern die beiden Autoren die rechtsextreme Szene in fünf Kategorien: Dazu gehören neben den vor allem publizistisch und propagandistisch agierenden Neuen Rechten, Negationisten und Antisemiten die militant und oftmals gewalttätig auftretenden Nationalrevolutionären Gruppen und Skinheads.

 

 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft