1999/3
Kultur und Identität in den Theorien Internationaler Beziehungen
Culture and Identity in Theories of International Relations

 

ÖZP 99/3, 255-268    [INHALT]   [English]

Mathias Albert (Frankfurt am Main)
TERRITORIUM UND IDENTITÄT. KOLLEKTIVE IDENTITÄT UND MODERNER NATIONALSTAAT

Der vorliegende Aufsatz entwirft ein theoretisches Modell kollektiver Identität. Kollektive Identität wird dabei als symbolisches Bezugssystem aufgeschlüsselt. Auf Basis dessen wird gezeigt, wie nationalstaatliche Identitäten durch einen bestimmten Bezug auf ein Territorium gekennzeichnet sind. Der Wandel dieses Bezuges erlaubt es, den entsprechenden Wandel kollektiver Identität abseits einer Logik von "Aufstieg und Fall" als graduellen Prozeß zu fassen. Theoretisch eröffnet dies die Möglichkeit, eine "Zivilisierung" großräumiger kollektiver Identität zu denken, ohne die realitätsferne Annahme treffen zu müssen, daß entsprechende Identitätskonstruktionen ohne den Bezug auf ein Territorium auskommen. Mit der Möglichkeit der qualitativen Neugestaltung dieses territorialen Bezugs kollektiver Identität wird darüber hinaus ein weiterführender Vorschlag für die Konzeptualisierung des Wandels in den Internationalen Beziehungen eingebracht.


ÖZP 99/3, 269-284     [INHALT]   [English]

Birgit Locher-Dodge (Bremen)
"IDENTITÄT" IN DEN INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN: VON GESCHLECHTSSENSIBLEN KRITIKEN ZUR REKONZEPTUALISIERUNG

"Identität" präsentiert sich als Modewort der 90er Jahre - dies gilt für die Sozialwissenschaften allgemein und für die Internationalen Beziehungen im besonderen. Obgleich es vor allem Impulse außerhalb der Teildisziplin waren, die das neue Interesse an Identität begründeten, blieben Einsichten aus der Geschlechterforschung in den Internationalen Beziehungen bislang nahezu unbeachtet. Die Ausblendung feministischer Forschung erweist sich jedoch - so die These - als Defizit, da eine geschlechtssensible Betrachtungsweise nicht nur "Blindstellen" in den Identitätskonzepten der Internationalen Beziehungen aufdecken, sondern auch wichtige Anregungen für eine Neukonzeptualisierung kollektiver Identitäten geben kann. Problematisch erscheint aus feministischer Perspektive nicht allein die Privilegierung und Homogenisierung staatlicher und nationaler Identitäten in der internationalen Politik, sondern auch die Ignoranz gegenüber Fragen von Macht bei der Konstruktion und Zuschreibung von Identitäten. Eine geschlechtssensible Rekonstruktion von Identität besteht daher auf einer kritischen und differenzierten Konzeptualisierung, die nicht nur dem Prozeßcharakter kollektiver Identitäten Rechnung trägt, sondern auch das schwierige, aber gleichzeitig kreative Spannungsverhältnis von Identität und Differenz sowie die Bedeutung subtilerer Formen von Macht in den Mittelpunkt rückt.


ÖZP 99/3, 285-300     [INHALT]   [English]

Anja Jetschke (Berlin) / Andrea Liese (Bremen)
DIE KULTURELLE PRÄGUNG STAATLICHER INTERESSEN UND HANDLUNGEN ANMERKUNGEN ZUR SOZIALKONSTRUKTIVISTISCHEN ANALYSE VON "KULTUR" IN DEN INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN

Kulturanalysen in den Internationalen Beziehungen (IB) haben in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung erfahren. Der Artikel setzt sich mit sozialkonstruktivistischen Arbeiten auseinander, die die kulturelle Prägung staatlicher Interessen und staatlicher Handlungsoptionen betonen und in empirischen Studien nachweisen. Die Ergebnisse dieser Studien fordern den Dialog mit gängigen IB-Ansätzen und -Theorien heraus. Wie aber steht es mit diesen Kulturansätzen im Verhältnis zu denen anderer Disziplinen?
Kulturansätze in den IB vertreten mehrheitlich ein akteursbezogenes Kulturverständnis, das von der Internalisierung von Kultur ausgeht, sie als homogen und konsistent betrachtet und das Subjekt ins Zentrum der Analyse stellt. Als Gegenpol zu diesem subjektiven Kulturkonzept hat sich in Soziologie und Kulturtheorie ein objektives Kulturverständnis entwickelt, das etwa im Neoinstitutionalismus zum Ausdruck kommt. Beide Positionen haben Stärken und Schwächen: Das subjektive Kulturverständnis vernachlässigt kulturelle Strukturen, während das objektive wiederum Akteure außer acht läßt. Notwendig scheint uns eine Konzeption von Kultur, die stärker die Interaktionsebene zwischen kultureller Struktur und Akteur berücksichtigt.
Am Ende des Beitrags werden zwei empirische Herangehensweisen an ein solches Konzept mit Blick auf die Integration in aktuelle IB-Forschung diskutiert. Die Analyse kulturellen Wandels könnte Bedingungen formulieren, unter denen es Akteuren gelingt, kulturelle Praxis zu verändern. Regelwidriges Verhalten läßt Einsichten darüber erwarten, welche kulturellen Vorstellungen im internationalen System überhaupt existieren, sowie unter welchen Bedingungen diese zur Legitimation von Verhalten instrumentalisiert werden können, bzw. wann Akteure den Handlungszwängen von Kultur unterliegen. Insbesondere bei regelwidrigem Verhalten erwarten wir Synergieeffekte mit etablierten Ansätzen in den IB, die ähnliche Fragestellungen verfolgen, etwa mit der kognitiven Regimeanalyse.


ÖZP 99/3, 301-315     [INHALT]   [English]

Birgit Weiss (Wien)
DIE KULTURELLE PRAXIS GLOBALER BEZIEHUNGEN. "REISEN" ALS ÜBERSCHREITUNG DER GRENZEN DER DISZIPLIN

Kultur hat als Thema in den Internationalen Beziehungen in den vergangenen Jahren besondere Konjunktur, sowohl im mainstream als auch an den Rändern der Disziplin. Kultur als kultureller Kontext der Theoriebildung war aber seit der Entstehung der Disziplin vorhanden. Der folgende Artikel beschäftigt sich mit der Freilegung dieser kulturell geprägten Perspektive in den Internationalen Beziehungen, die bislang kaum reflektiert wurde. Es wird dabei in Anlehnung an die Kulturanthropologie mittels des Konzepts des "Reisens" als kultureller Praxis versucht, die Grundannahmen der Disziplin - das System souveräner (National-)Staaten - auf weitere globale Beziehungen auszudehnen und die Grenzen der Disziplin zu überschreiten bzw. für Erkenntnisse anderer Disziplinen zu öffnen. Der Perspektivenwechsel, der durch Reisen und Fremdheitserfahrung ausgelöst werden kann, trägt entscheidend dazu bei, den eigenen kulturellen Horizont in den Blick zu bekommen und zu reflektieren.


ÖZP 99/3, 317-331     [INHALT]   [English]

Johannes Pollak / Monika Mokre (Wien)
EUROPÄISCHE KULTURPOLITIK ALS IDENTITÄTSPOLITIK. FORMEN, PROZESSE, RESULTATE

Der Artikel stellt die Frage nach den Bedingungen der Entwicklung einer kollektiven Identität der Europäischen Union und fokussiert dabei auf aktive Eingriffe der politischen Akteure zur Entwicklung, Bewahrung oder Verstärkung kollektiver Identitäten. Vor dem theoretischen Hintergrund der analytischen Unterscheidung von ideeller und politischer kollektiver Identität wird die Kulturpolitik der Europäischen Union als ein Beispiel für Identitätspolitik analysiert. Sowohl die starke Stellung des Nationalstaates im Prozeß der Identitätsbildung als auch die ungeeigneten Mittel, die zur Schaffung einer Europäischen Identität eingesetzt werden, machen deren Entstehung unwahrscheinlich. Abschließend werden die Gefahren und Chancen der Ausbildung einer Identität auf europäischer Ebene analysiert.


ÖZP 99/3, 333-352     [INHALT]   [English]

Annette Elisabeth Töller (Darmstadt)
DIE IMPLEMENTATION EUROPÄISCHER POLITIK DURCH AUSSCHÜSSE: ZUR FUNKTIONSWEISE UND POLITIKWISSENSCHAFTLICHEN RELEVANZ DER KOMITOLOGIE

Der Begriff Komitologie beschreibt die Existenz und die Aktivitäten einer bestimmten Art von Ausschüssen in der Europäischen Union, in denen nationale BeamtInnen und VertreterInnen der Europäischen Kommission gemeinsam an der Implementation gemeinschaftlicher politischer Programme mitwirken. Dabei werden einerseits formelle Maßnahmen zur Konkretisierung oder Anwendung erlassen und andererseits wird - in informellem Rahmen - die Implementation des betreffenden Programms oft in umfassender Weise koordiniert. Dargelegt werden die institutionellen und prozeduralen Charakteristika, die Eigenheiten der politischen Praxis des "Regierens in Ausschüssen" sowie die Hauptlinien der Konflikte, die seit über dreißig Jahren zwischen den Gemeinschaftsinstitutionen (Rat, Kommission, Parlament) ausgetragen werden. Vor diesem Hintergrund werden schließlich die theoretischen Fragen skizziert, die die Komitologie für mehr als eine Handvoll SpezialistInnen interessant machen: (1) die integrationstheoretische Frage nach der Bedeutung intergouvernementaler und supranationaler Elemente in der Komitologie und nach Konzepten, die diese Dichotomie überwinden; (2) die steuerungstheoretische Frage nach dem Beitrag der Komitologie zu erfolgreicher politischer Steuerung sowie schließlich (3) die demokratietheoretische Frage nach den Bedingungen der Legitimität von in den Ausschüssen getroffenen Entscheidungen.

 

ÖZP - Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft